Haeckel und seine Gegner
Es ist bezeichnend für die tiefe philosophische Natur Haeckels, daß er nach dem Erscheinen von Darwins «Entstehung der Arten» (1859) sogleich die volle Tragweite der darin aufgestellten Grundsätze für die gesamte Weltanschauung des Menschen erkannte; und es spricht für seinen philosophischen Enthusiasmus, daß er mit Kühnheit unermüdlich alle die Vorurteile bekämpfte, die sich gegen die Aufnahme der neuen Wahrheit in das Glaubensbekenntnis des modernen Geistes erhoben. Die Notwendigkeit, daß alles moderne wissenschaftliche Denken mit dem Darwinismus zu rechnen hat, setzte Haeckel in der fünfzigsten Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte am 18. September 1877 in dem Vortrage über «Die heutige Entwicklungslehre im Verhältnisse zur Gesamtwissenschaft» auseinander. Ein umfassendes «Glaubensbekenntnis eines Naturforschers» trug er am 9. Oktober 1892 in Altenburg beim 75jährigen Jubiläum der naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes vor. (Gedruckt ist diese Rede unter dem Titel «Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft», Bonn 1892.) Was sich aus der reformierten Entwickelungslehre und aus unserem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Wissen für die Beantwortung der «Frage aller Fragen» ergibt, hat er in großen Linien kürzlich in dem oben erwähnten Vortrage «Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des Menschen» entwickelt. Hier behandelt Haeckel neuerdings die Konsequenz, die sich für jeden logisch Denkenden ohne weiteres aus dem Darwinismus ergibt, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren, und zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat. Dieser notwendige Folgeschluß ist es aber auch gewesen, welcher alle alten Vorurteile der Theologen, Philosophen und aller, die in deren Bann stehen, zum Kampf gegen die Entwickelungstheorie aufgerufen hat. Zweifelsohne hätte man sich ein Hervorgehen der einzelnen Tier- und Pflanzenformen auseinander gefallen lassen, wenn dessen Annahme nur nicht zugleich auch die Anerkennung der tierischen Abstammung des Menschen nach sich gezogen hätte. «Es bleibt», wie Haeckel in seiner «Natürlichen Schöpfungsgeschichte» betonte, «eine lehrreiche Tatsache, daß diese Anerkennung keineswegs» — nach dem Erscheinen des ersten Darwinschen Werkes — «allgemein war, daß vielmehr zahlreiche Kritiker des ersten’ Darwinschen Buches (und darunter sehr berühmte Namen) sich vollkommen mit dem Darwinismus einverstanden erklärten, aber jede Anwendung desselben auf den Menschen gänzlich von der Hand wiesen.» Mit einem gewissen Schein von Recht berief man sich dabei auf Darwins Buch selbst, in dem von dieser Anwendung kein Wort steht. Haeckel wurde deswegen, weil er rücksichtslos diese unabweisliche Konsequenz zog, der Vorwurf gemacht, daß er «darwinistischer als Darwin selbst sei». Das ging freilich nur bis zum Jahre 1871, in dem Darwins Werk erschien «Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl». Hier vertritt dieser selbst mit großer Kühnheit und Klarheit diese Folgerung.