Haeckel und seine Gegner
[^1]: Goethe und Kant. Den Gegensatz, der zwischen Goethes und Kants Weltanschauung besteht, habe ich in den Einleitungen zu meiner Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften (in Kürschner «Deutsche National-Literatur») und in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» («Die Metamorphose der Welterscheinungen>) charakterisiert. Er zeigt sich auch in der Stellung der beiden Persönlichkeiten zur Erklärung der organischen Natur. Goethe sucht diese Erklärung auf dem Wege, den auch die moderne Naturwissenschaft betreten hat. Kant hält eine solche Erklärung für unmöglich. Nur wer sich in das Wesen von Goethes Weltansicht vertieft, kann ein richtiges Urteil über ihre Stellung zur Kantschen Philosophie gewinnen. Die Selbstzeugnisse Goethes sind nicht maßgebend, da dieser sich nie in ein genaueres Studium Kants eingelassen hat. «Der Eingang (der «Kritik der reinen Vernunft) war es, der mir gefiel, ins Labyrinth selbst konnt ich mich nicht wagen: bald hinderte mich die Dichtungsgabe, bald der Menschenverstand, und ich fühlte mich nirgend gebessert.» Ihm gefielen einzelne Stellen in Kants «Kritik der Urteilskraft», weil er ihren Sinn so umdeutete, daß er seiner eigenen Weltanschauung entsprach. Es ist daher nur zu begreiflich, daß seine Gespräche mit Kantianern sich wunderlich ausnahmen. «Sie hörten mich wohl, konnten mir aber nichts erwidern, noch irgend förderlich sein. Mehr als einmal begegnete es mir, daß einer oder der andere mit lächelnder Verwunderung zugestand: es sei freilich ein Analogon Kantischer Vorstellungsart, aber ein seltsames.» Karl Vorländer hat in seinem Aufsatz «Goethes Verhältnis zu Kant in seiner historischen Entwicklung» (Kantstudien I, II) dieses Verhältnis nach dem Wortlaut von Goethes Selbstzeugnissen beurteilt und mir vorgeworfen, daß meine Auffassung «mit klaren Selbstzeugnissen Goethes in Widerspruch» stehe und mindestens «stark einseitig» sei. Ich hätte diesen Einwand unerwidert gelassen, weil ich aus den Ausführungen des Herrn Karl Vorländer sah, daß sie von einem Manne herrühren, dem es ganz unmöglich ist, eine ihm fremde Denkweise zu verstehen; allein, es schien mir doch nötig, eine daran geknüpfte Bemerkung nicht ohne Antwort zu lassen. Herr Vorländer gehört nämlich zu denjenigen Menschen, die ihre Meinung für absolut richtig, also aus der höchstmöglichen Einsicht herrührend, ansehen und jede andere zu einem Produkte der Unwissenheit stempeln. Weil ich anders über Kant denke als er, gibt er mir den weisen Rat, gewisse Partien in Kants Werken zu studieren. Eine solche Art der Kritik fremder Meinungen kann nicht stark genug zurückgewiesen werden. Wer gibt jemandem das Recht, mich wegen einer von der seinigen abweichenden Anschauung nicht zu kritisieren, sondern zu schulmeistern? Ich habe daher Herrn Karl Vorländer im 4. Bande meiner Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften meine Meinung über diese Schulmeisterei gesagt. Darauf hat er im III. Band der «Kantstudien» mein Buch «Goethes Weltanschauung» in einer Weise besprochen, die nicht nur das vorher wider mich Geleistete der Form nach überbietet, sondern die auch voller odjektiver Unwahrkheiten ist. So spricht er von einer «isolierten und verbitterten Opposition», in der ich mich gegen die gesamte moderne Philosophie (exklusive natürlich Nietzsche) und Naturwissenschaft befinde. Das sind gleich drei objektive Unwahrheiten. Wer meine Schriften liest - und wer über mich urteilt wie Herr Vorländer, sollte sie doch lesen -, wird ersehen, daß ich zwar an einzelnen Anschauungen der modernen Naturwissenschaft sachliche Kritik übe und andere philosophisch zu vertiefen suche, daß aber von einer verbitterten Opposition zu reden geradezu absurd ist. In meiner «Philosophie der Freiheit» habe ich meine Überzeugung dahin ausgesprochen, daß in meinen Anschauungen der philosophische Abschluß des Gebäudes gegeben sei, das « Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft errichtet haben» (XI. «Die moralische Phantasie»). Daß ich es bin, der den Grundmangel in Nietzsches Ideenwelt scharf betont hat, weiß zwar der Franzose Henri Lichtenberger, der in seinem Buche «La philosophie de Nietzsche» sagt: «R. Steiner est l’auteur de Wahrheit und Wissenschaft et Die Philosophie der Freiheit; dans ce dernier ouvrage il complète la théorie de Nietzsche sur un point important.» Er betont, daß ich gezeigt habe, daß gerade Nietzsches «Übermensch» das nicht ist, was er sein sollte. Der deutsche Philosoph Karl Vorländer hat entweder meine Schriften nicht gelesen und urteilt dennoch über mich, oder er hat das getan und schreibt die obigen und ähnliche objektive Unwahrheiten hin. Ich überlasse es dem urteilsfähigen Publikum, zu entscheiden, ob sein Beitrag, der würdig befunden wurde, in eine ernste philosophische Zeitschrift aufgenommen zu werden, ein Beweis für seine gänzliche Urkteilslosigkeit oder ein bedenklicher Beitrag zur deutschen Gelehrten-Moral ist.