3. Menschenerkenntnis als Grundlage der Pädagogik
Da möchte ich Sie auf Folgendes aufmerksam machen: Jeder, der so versucht, sich ein Bild zu machen von der menschlichen Organisation nach dem, was in den gebräuchlichen pädagogischen Handbüchern oder in den Psychologien zur Einleitung steht, um das Seelische, die pädagogische Kunst, mit Prinzipien auszugestalten aus der Naturwissenschaft und aus der Psychologie heraus, hat denn der nicht eigentlich so die Vorstellung, daß die menschliche Organisation eine Zusammenfügung von fest ineinander gehaltenen Gestalten sei? Man hat so die Anschauung: Da ist der menschlicheOrganismus, innerhalb der Schädeldecke ist so etwas wie eine Art festen Gehirnes, wenigstens eine Art festen oder halbfesten Gehirnes; da sind die anderen Organe, da sind Leber, Lunge und so weiter. Auch nach den Zeichnungen, die man bekommt, ja auch nach dem unmittelbaren Anblick, den man bekommen kann, wenn man oberflächlich zu Werke geht, auch durch den klinischen Anblick, macht man sich eine Vorstellung, als ob dieses Festumrissene, ich möchte sagen, Festgezeichnete der einzelnen Organe das einzige wäre, was den Menschen organisiert. Aber ich bitte Sie doch, darauf Rücksicht zu nehmen, daß der Mensch eigentlich zu 80 Prozent, gering gerechnet, ja eine Flüssigkeitssäule ist, daß er also im allergeringsten Maße in seiner Organisation aus Festem besteht. Kann man denn da eigentlich voraussetzen, daß man den Menschen wirklich beschreibt in seiner Organisation, wenn man ihn so beschreibt, als ob die einzelnen Organe scharf umrissene Gebilde wären? Der Mensch ist eine Flüssigkeitssäule. Der Mensch ist außerdem ausgefüllt von Gasförmigem. Auf das alles nimmt man sehr, sehr wenig Rücksicht. Man beschreibt auch so etwas wie das Nervensystem nur so, als ob man es zu tun hätte mit mehr oder weniger festen Strängen, oder wenigstens als das, was man von dem Festen ins Weiche hinüberschillern läßt. Bei dem hat man nicht das Bewußtsein, daß es überall eingebettet ist in Flüssiges oder gar in Luftförmiges; Luftförmiges, welches nur in Form von Vibrationen, von rhythmischen Bewegungen im menschlichen Organismus ist. Wer sich bewußt wird, daß man es im Menschen - ich will jetzt absehen von dem Luftförmigen — zu tun hat mit einer Flüssigkeitssäule, wer sich bewußt wird, wie zum Beispiel das Gehirn eingebettet ist im Gehirnwasser, wer sich bewußt wird, wieviel von unserem Organleben mit dem Prozeß zusammenhängt, den ich gestern in einer gewissen Weise geschildert habe, daß das Gehirnwasser auf und ab pendelt unter dem Einflusse des Ein- und Ausatmens, der wird nicht bloß denjenigen Vorgängen im Organismus gewissermaßen einen Parallelismus zuschreiben für die geistig-seelischen Tatsachen, die fest umrissen sind, sondern er wird doch sich die Vorstellung bilden müssen: Während ich denke, während ich fühle, während ich will, sind es fortwährend auch die flüssigen Bestandteile des Organismus, die in irgendeiner Bewegung sind, die für sich Flüssigkeitsstruktur annehmen, diese Flüssigkeitsstruktur wieder auflösen. Man muß sich doch fragen: Warum sollte denn zum Beispiel der Vorstellungsvorgang nur zusammenhängen - er tut es nämlich auch nicht — mit irgendwelchen Vibrationen oder ähnlichen Vorgängen in den Nervensträngen? Warum sollte er denn nicht zusammenhängen mit Vibrationen innerhalb der flüssigen Bestandteile im Menschen? Diese Frage hat das materialistische Zeitalter der Naturwissenschaft gar nicht in der gehörigen Weise gestellt. Und für die Ziele, die sich zunächst die landläufige Naturwissenschaft stellt, kommt man gut aus mit dem, was die Naturwissenschaft zutage fördert. Denn, sehen Sie, groß ist eigentlich die Naturwissenschaft heute in ihren praktischen Resultaten auf dem Gebiete der Technik des Festen oder auch des Flüssigen, wo das Flüssige äußerlich im Raume vorliegt, oder auch des Gasförmigen, wie in der Dampftechnik, wo dieses Dampfförmige äußerlich im Raume vorliegt und zu bewältigen ist.
Cite:
GA 301/1920-04-22/p006 · edition original