Zweiter Vortrag
Daraus ersehen wir, daß auch die menschliche Sprache, vor allem das musikalische Element, mitwirkt bei der Gestaltung des Menschen: Zuerst gestaltet es den Menschen, und nachher staut es sich, indem es halt macht beim Kehlkopf; da geht es durch das Tor nicht mehr so ein wie früher. Früher ist es eben die Sprache, die unsere Organe bis ins Knochensystem ändert. Derjenige, der mit wirklichem psychophysischem Blick, nicht mit dem blöden psychophysischen Blick unserer heutigen Philosophen, sich ein menschliches Skelett ansieht und die Differenzierung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Skelett ins Auge faßt, der sieht im Skelett eine korporisierte musikalische Leistung, die sich abspielt in der Wechselwirkung zwischen dem menschlichen Organismus und der Außenwelt. Es ist das menschliche Skelett gleichsam so zu begreifen, wie wenn man eine Sonate spielen würde und würde sie durch irgendeinen geistigen Kristallisationsvorgang festhalten, man würde so die Hauptformen, die Anordnungsformen des menschlichen Skeletts herauskriegen! Das wird Ihnen auch den Unterschied des Menschen vom Tier bezeugen. Beim Tier ist es so: dasjenige, was vom sprachlich-musikalischen Element aufgenommen wird — vom Sprachlichen sehr wenig, vom Musikalischen aber sehr viel —, das geht, weil gewissermaßen das Tier nicht die Isolierung des Menschen hat, die dann zur Mutation führt, das geht durch das Tier durch. Wir haben auch in der Skelettform des Tieres einen musikalischen Abdruck; der ist aber so, daß erst die verschiedenen zusammengestellten Skelette, zum Beispiel im Museum, einen musikalischen Zusammenhang beim Tier ergeben müßten. Das Tier offenbart immer eine Einseitigkeit in seinem Aufbau.
Cite:
GA 302a/1920-09-16/p013 · edition original