Zweiter Vortrag
Nun haben Sie gesehen, daß es sich dabei handelt um ein intimeres Betrachten und Beobachten des Menschen, als es nun schon einmal heute üblich ist. Man lernt heute auf gewissen Gebieten recht exakt beobachten, und was nach dieser Richtung geleistet wird in sogenannter Näherungsbeobachtung, sagen wir zum Beispiel bei Beobachtung der Sterne durch das Teleskop, oder sagen wir auf dem Felde der Meßkunst - es könnte für viele Dinge angeführt werden -, das ist etwas, was hervorgeht aus dem Gefühl, intim im mathematischen Sinne zu beobachten. Aber intim zu beobachten in dem Sinne, daß sich dadurch enthüllen feine Übergänge im Seelischen des Menschen oder auch feine Übergänge der menschlichen Organisation, das haben wir gerade aus jener naturwissenschaftlichen Gesinnung, die sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, heute im allgemeinen Zivilisationsleben doch nicht. Und deshalb werden auch die für das Erziehen so wichtigen Übergänge, wie sie vorliegen beim Zahnwechsel, bei der Geschlechtsreife und selbst noch nach dem 20. Jahr, nicht beobachtet.
Cite:
GA 309/1924-04-14/p006 · edition original