35. Papsttum Und Liberalismus
Nichts hätte der römisch-katholischen Kirche tiefere Wunden schlagen können als die Starrheit, mit der sich der Papst Pius IX. jeder Verständigung mit den Strömungen unserer Zeit entgegenstemmte. Das Licht, das nun einmal über die Völker gekommen ist, sollte mit allen Mitteln ausgelöscht werden; das Oberhaupt der Kirche hielt es für möglich, der modernen Menschheit die Glaubensformen des finstersten Mittelalters aufzuzwingen. Nicht widerlegt sollten die Lehren der Neuzeit werden, sondern der Fluch allein war das Mittel, das Pius IX. gegen sie in Anwendung brachte. Leo XIII. erkannte, daß dies, auch vom Standpunkte des Papstes aus betrachtet, ein schwerer Irrtum sei. Darum ist die Weise, wie er sich den Errungenschaften der Zeit gegenüber verhält, eine wesentlich andere. Nach seiner Ansicht soll der Geist den Geist schlagen. Nicht engherzig ablehnen sollen die Lehrer des Evangeliums, was moderne Wissenschaft und modernes Leben ihnen entgegenhalten, sondern in sich aufnehmen, einesteils um es, soweit das tunlich ist, im Sinne des Katholizismus zu verwerten, andererseits, um es vom Standpunkte der Kirche aus wirksam widerlegen zu können. Deshalb empfahl der Papst seiner Priesterschaft das Studium der christlichen Philosophie, um aus ihr eine Waffe gegen die moderne Wissenschaft zu machen. Er sieht es nicht ungerne, wenn an den theologischen Fakultäten Darwinsche und ähnliche Theorien vorgetragen und vom Standpunkte der katholischen Wissenschaft aus beleuchtet werden, ein Ding, das sein Vorgänger in der schärfsten Weise verdammt hätte.
Cite:
GA 31/35_the_papacy_and_liberalism/p001 · edition original