35. Papsttum Und Liberalismus
Das sind die Gesichtspunkte, von denen die Regierung Leos XIII. ausgeht. Seine neueste Enzyklika ist wieder ein Beweis dafür. Er sucht in sachlicher Weise dem Liberalismus entgegenzutreten und in dem Liberalismus der ganzen Richtung der Zeit. Wer noch in den Banden des Glaubens sich befindet, auf den werden die mit sophistischem Scharfsinne vorgebrachten Sätze des Rundschreibens nicht ohne tiefergehenden Eindruck bleiben. Das soll offen zugestanden werden. Es soll auch nicht geleugnet werden, daß mit dem liberalen Prinzip der Kernpunkt der modernen Kultur überhaupt richtig getroffen ist. Das Barometer des Fortschrittes in der Entwicklung der Menschheit ist nämlich in der Tat die Auffassung, die man von der Freiheit hat, und die praktische Realisierung dieser Auffassung. Unserer Überzeugung nach hat die neueste Zeit in dieser Auffassung einen Fortschritt zu verzeichnen, der ebenso bedeutsam ist, wie jener war, den die Lehren Christi bewirkten: «es sei nicht Jude, noch Grieche, noch Barbar, noch Skythe, sondern alle seien Brüder in Christo». Wie damals die Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott und ihresgleichen anerkannt wurde, so bemächtigte sich in dem letzten Jahrhundert immer mehr die Überzeugung der Menschen, daß nicht in der Unterwerfung unter die Gebote einer äußeren Autorität unsere Aufgabe bestehen könne, daß alles, was wir glauben, daß die Richtschnur unseres Handelns lediglich aus dem Lichte der Vernunft in unserem eigenen Innern entstammen solle. Nur das für wahr halten, wozu uns unser eigenes Denken zwingt, nur in solchen gesellschaftlichen und staatlichen Formen sich bewegen, die wir uns selbst geben, das ist der große Grundsatz der Zeit.
Cite:
GA 31/35_the_papacy_and_liberalism/p003 · edition original