Erster Vortrag
Ebenso läßt sich auf dem Gebiete der Pädagogik nicht immer übersehen, ob man aus den Bedingungen des heranwachsenden Kindes heraus erzieht, oder ob man nach Schrullen erzieht, nach Schrullen, die man sich ja auch dadurch ausbilden kann, daß man Experimentalpsychologie treibt, äußerlich das Kind untersucht und fragt: Wie ist sein Gedächtnis beschaffen, wie die Begriffsfähigkeit, wie die Urteilsfähigkeit und so weiter? — Man bildet sich da zunächst pädagogische Ansichten aus. Aber wie werden diese ins Leben übergeführt? Man hat sie in seinem Kopfe, da sitzen sie drinnen. Da weiß man, ein Kind hat man im Rechnen so zu führen, in der Geographie so zu führen und so weiter; jetzt soll man an die praktische Ausführung gehen. Man denkt nach und erinnert sich: Da ist der Grundsatz in der wissenschaftlichen Pädagogik enthalten, man muß es so und so machen. — Nun steht man der Praxis gegenüber, erinnert sich an diesen theoretischen Grundsatz und wendet ihn ganz äußerlich an. Wer Talent hat, so etwas zu beobachten, wie zuweilen Pädagogen, die ausgezeichnet sind in der Beherrschung der pädagogischen Theorien, dann an die Anwendung des Gelernten gehen, der kann die Erfahrung machen, daß ein solcher Pädagoge in ausgezeichneter Weise das angeben kann, was er einmal im Examen wissen mußte oder was er in der Übungsklasse gelernt hat; aber er bleibt so fremd wie nur möglich im Leben, wenn er in der Erziehung dem Kinde gegenübersteht. Bei ihm vollzieht sich das, was wir alltäglich und allstündlich beobachten müssen zu unserem Herzschmerz, daß die Menschen im Leben aneinander vorbeigehen, daß sie keinen Sinn haben, einander kennenzulernen. Die Menschen lernen sich heute nicht gegenseitig kennen. Das ist eine allgemeine Erscheinung. Das ist auch das Grundübel für alle die sozialen Störungen, die sich heute über das Zivilisationsleben ergießen: die mangelnde Aufmerksamkeit und das mangelnde Interesse, das ein Mensch für den andern haben sollte. In der allgemeinen Zivilisation muß man so etwas zunächst hinnehmen; es ist das zunächst einmal das Gegenwartsschicksal der Menschheit.
Cite:
GA 310/1924-07-17/p009 · edition original