Erster Vortrag
So wird man verwiesen auf eine Menschenerkenntnis, die im einzelnen individuell-seelisch ist. Und hat man sich durchdrungen mit solchen allgemeinen, großen historischen Gesichtspunkten, dann geht man auch an die einzelnen Erziehungsaufgaben in einer entsprechenden Weise heran. Dann entsteht schon ein ganz anderes Leben, wenn der Erzieher in seine Klasse hineingeht; denn dann trägt er Welt, geistig-seelisch-physisch Welt hinein in die Klasse. Dann ist er umgeben von der Atmosphäre einer wirklichkeitsgemäßen, nicht einer theoretisch ausgedachten Weltanschauung. Dann ist er umgeben von einem Weltenfühlen. Und dann werden wir das Merkwürdige erleben können, wenn wir auf das hinschauen, was jetzt angedeutet worden ist, daß wir eine Pädagogik begründen, die nach und nach das Gegenbild von dem darstellen wird, was auf manchem, gerade charakteristischen Gebiete der pädagogische Betrieb heute ist. Allerlei gut veranlagte Humoristen wählen sich ja den sogenannten Schulmeister oftmals zu einem Objekt, das ihnen gut dienen kann, an dem sie ihren Humor auslassen können. Nun, wenn ein Schulmeister mit dem nötigen Humor veranlagt ist, kann er sich auch schon gegen diejenigen auslassen, die so sein Bild karikiert in die Welt hineinstellen. Aber worauf es ankommt, das ist ja etwas ganz anderes. Denn wenn der Lehrer, wie es die heutige theoretisierende Pädagogik tut, so in die Schule hineingestellt wird, daß er gar nicht das Kind kennenlernen kann, aber doch mit dem Kinde beschäftigt sein muß — wie kann er da etwas anderes werden als weltfremd! Beim heutigen Schulsystem kann man gar nichts anderes werden als weltfremd; man wird ja ganz herausgerissen aus der Welt. Und dann tritt sogar das Merkwürdige ein, daß die weltfremden Pädagogen den Menschen für sein Gedeihen in der Welt entwickeln sollen.
Cite:
GA 310/1924-07-17/p026 · edition original