Zweiter Vortrag
Der Mensch solle beobachtet werden nach Leib, Seele und Geist, sagte ich schon gestern. Und in dem öffentlichen Vortrage deutete ich gestern an, wie erst das erste Übersinnliche im Menschen, ein höherer Mensch im Menschen, das Dauernde ist, das von der Geburt bis zum Tode geht, während der äußere physische Leib fortwährend ausgewechselt wird. Nun handelt es sich eben darum, dieses menschliche Leben auch so kennenzulernen, daß man sieht: auf der Erde spielt sich das ab, was sich aus dem vorirdischen Leben heraus entwickelt. Wir haben ja in uns nicht bloß dasjenige Seelische, das mit der Geburt oder mit der Empfängnis begonnen hat, wir tragen in uns das vorirdische Seelische, ja, wir tragen in uns die Ergebnisse längst verlaufener Erdenleben. Das alles wirkt und lebt und webt in uns, und wir müssen während des irdischen Lebens das vorbereiten, was dann durch die Pforte des Todes geht und nach dem Tode wieder draußen leben wird in der geistig-seelischen Welt. Wir müssen also begreifen, wie in dem irdischen Leben das Überirdische arbeitet. Denn das ist ja zwischen Geburt und Tod doch auch vorhanden; es arbeitet nur verborgen in dem Leiblichen drinnen, und man versteht das Leibliche nicht, wenn man nicht das im Leiblichen wirkende Geistige versteht.
Cite:
GA 310/1924-07-18/p005 · edition original