Zweiter Vortrag
Betrachten wir einmal Goethe und Schiller äußerlich, ihrem Lebenslaufe nach, aber gehen wir auf die ganze Persönlichkeit aus. Wir haben Goethe in merkwürdiger Weise ins Leben hereintretend: er wurde ganz schwarz geboren, das heißt dunkelblau. Also er zeigte zunächst, daß er mit seinem Geistig-Seelischen außerordentlich schwer untertauchen konnte in das Physisch-Leibliche. Aber wiederum, als Goethe einmal untergetaucht war, als er dieses spröde physisch-leibliche Material in Anspruch genommen hatte, da war er auch ganz drinnen. Man kann sich eigentlich auf der einen Seite kaum eine gesündere Natur denken als die des Goethe-Knaben. Goethe ist unglaublich gesund. Er ist so gesund, daß seine Erzieher schon mit ihm einige Schwierigkeiten haben. Denn Kinder, mit denen man keine Schwierigkeiten hat, die sind in der Regel nicht die allergesündesten im späteren Alter. Kinder dagegen, die den Erziehern etwas unbequem werden, das sind die, welche dann später im Leben die mehr brauchbaren, weil die energischeren Naturen sind. Daher wird der verständige Erzieher es schon ganz gern haben, wenn ihm die Kinder auch etwas auf die Finger schauen. Und Goethe war von frühester Kindheit an durchaus geneigt, seinen Erziehern auf die Finger zu schauen, sogar bis zur Wörtlichkeit hin: er guckte beim Klavierspiel die Finger des Spielers ab und nannte dann den einen Finger den «Däumerling», den andern «Deuterling» und so weiter. Aber nicht nur in diesem äußerlichen Sinne schaute er seinen Erziehern auf die Finger, sondern er war eigentlich schon «hell» als Knabe, und die Erzieher hatten es daher manchmal schwierig. Später hat er ja in Leipzig eine schwere Krankheit durchgemacht. Aber mit Bezug darauf muß man sagen, es war dazu schon einiges von Strapazen, man kann auch sagen von kleinen Lumpereien notwendig, um die Gesundheit, die Goethe in sich trug, bis zu dem Grade ins Kranke hinüberzugestalten, wie dies gerade damals in Leipzig der Fall war. Dann aber sehen wir wieder, wie Goethe stramm sein ganzes Leben hindurch ein gesunder, aber ein außerordentlich sensitiver Mensch ist, wie er alles einzelne, was da ist, intensiv auf sich wirken lassen kann, wie es aber nicht sehr tief in den Organismus heruntergreift; er wird nicht gleich herzkrank, wenn er ein erschütterndes Ereignis verspürt, aber er verspürt dieses erschütternde Ereignis mit aller denkbaren Seelenschärfe. Und so sein ganzes Leben hindurch. Er leidet seelisch, ohne daß das seelische Leid ihn gleich in eine äußere Krankheit bringt. Das heißt, seine äußere Gesundheit ist außerordentlich fest.
Cite:
GA 310/1924-07-18/p007 · edition original