Zweiter Vortrag
Goethe war auch in dieser Beziehung außerordentlich harmonisch, daß er alles, was in seinem Karma lag, ausgestalten konnte bis ins höchste Lebensalter hin. Er wurde ja so alt, weil er alles, was in ihm karmisch veranlagt war, wirklich herausbringen konnte. Man hat bei Goethe, der, nachdem er den Leib verlassen hatte, eben diesem Leibe nach noch so wunderschön war, daß ihn alle im Tode bewunderten, man hat bei ihm den Eindruck: Da hat sich eigentlich alles ausgelebt, was karmisch veranlagt war; da ist eigentlich nichts geblieben, und Goethe muß neu anfangen, wenn er wieder in einem Erdenleben erscheint, unter ganz neuen Bedingungen. Das alles drückt sich gerade in einem so gestalteten Körper aus, wie ihn Goethe hatte. Denn das, was der Mensch aus einem vorigen Erdenleben veranlagt hat, kommt zunächst als Ursache in der Kopfbildung zum Vorschein. Nun hatte Goethe von Jugend auf diesen wunderschönen Apollo-Kopf, der nur die harmonischen Kräfte in die Körperlichkeit hineingoß. Er hatte aber diesen von der Last des Oberleibes beeindruckten Körper mit den zu kurzen Beinen, so daß er diesen Gang wieder hatte, der in seinem ganzen Lebenswandel zum Vorschein kommen konnte. Dieser ganze Mensch war karmische Voraussetzung und karmische Erfüllung im wunderbar Harmonischen. Alles einzelne, was man im Goethe-Leben hat, spricht ja das aus.
Cite:
GA 310/1924-07-18/p010 · edition original