Zweiter Vortrag
Wenn wir uns solche Dinge vorhalten, müssen wir uns doch sagen: Das Menschenleben wird schon in seiner Betrachtung vertieft, wenn man das anwendet, was Anthroposophie geben kann. — Man lernt hineinschauen in das Menschenleben. Nichts anderes wollte ich, als Ihnen durch die Beispiele, die ich gebracht habe, anführen, wie man durch die Anthroposophie lernt, das menschliche Leben anzuschauen. Nehmen Sie aber jetzt die ganze Sache. Kann man nicht in seiner Seele vertieft werden für alles, was menschlich ist, dadurch, daß man einfach in einer solchen Weise auf einzelne Menschenleben hinsieht? Wenn sich der Mensch in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens sagen kann: So stand es um Schiller, so um Goethe, so stand es mit irgendeinem Menschen, der früh verstorben ist, wie ich es Ihnen angeführt habe, — ja, wird das nicht in der Seele des Menschen so wirken können, daß man lernt, jedes Kind auch vertieft anzuschauen? Daß einem jedes Menschenleben ein heiliges Rätsel wird? Lernt man denn nicht mit viel größerer, mit viel innigerer Aufmerksamkeit auf jedes Menschenleben und Menschenwesen hinschauen? Und kann man nicht gerade dadurch, daß auf diese Weise Menschenerkenntnis in die Seele sich einschreibt, Menschenliebe in sich vertiefen? Und kann man denn nicht mit dieser Menschenliebe, die an der Menschenbetrachtung, an der innigen, tiefen Menschenbetrachtung, an dem Miterleben der innerst heiligen Rätsel der Menschenseele sich vertieft, gerade an eine Erzieheraufgabe herantreten, wenn einem das Leben so heilig geworden ist? Wird sich nicht gerade dadurch der Erzieherberuf umwandeln lassen, nicht zum phrasenhaften, mystisch verträumten, wohl aber zum ganz wahrhaften Priesterberuf, der dasteht, wenn die göttliche Gnade die Menschen herunterschickt in das irdische Leben?
Cite:
GA 310/1924-07-18/p024 · edition original