Vierter Vortrag
Wenn man die erste Lebensepoche des Kindes nimmt, also den Zeitraum von der Geburt bis zum Zahnwechsel, dann arbeitet die Organisation des Kindes, sich entwickelnd in dieser Zeit so, daß die ersten Anlagen desjenigen sich in die Organisation eingliedern, was ich gestern erörtert habe als das, was man zusammenfassen kann in Gehen, das aber ein Gesamtorientieren des Menschen ist, dann in Sprechen und drittens in Denken. Nun liegen die Dinge folgendermaßen. In der Hauptsache, im wesentlichen organisiert sich das Kind zwischen dem 1. und 7. Lebensjahre hinsichtlich der Gesten; zwischen dem 7. und 14. Lebensjahre, approximativ, hinsichtlich der Sprache, wie ich es gestern auseinandergesetzt habe; und in bezug auf das Denken organisiert es sich zwischen dem 14. und 21. Jahre, wiederum annähernd ausgedrückt. Aber was so in einem Zeitraume von 21 Jahren hervortritt, das bildet sich in der Anlage eben auch schon in der ersten Lebensepoche, zwischen der Geburt und dem Zahnwechsel aus. Was also die eigentliche Aneignung der Gesten betrifft, die sich im Orientieren, im Gehen, aber auch im freien Orientieren, ohne aufzustützen, wie im Bewegen der Arme und auch der Gesichtsmuskeln zum Ausdruck bringt, was also ein Gesamtorientieren, ein Einleben in die Gesten und Gebärden ist, das entwickelt sich der Hauptsache nach rein im ersten Drittel dieser 7 Jahre, das heißt also in den ersten 21/3 Jahren. In diesem Zeitraume liegt die Hauptentwickelung des Kindes in der Herausbildung der Gesten. Die Entwickelung in den Gesten geht dann weiter; aber es kommt dazu die Anlageentwickelung zum inneren Einprägen des Sprachlichen im Intimeren. Wenn das Kind auch früher schon Laute hervorbringt, das Einleben in die Sprache geschieht dann, nach 2Y3 Jahren, in der Anlage. Das Durchfühlen der Sprache bildet sich aus zwischen dem 7. und 14. Jahre, aber in der Anlage haben wir es zwischen 2!/3 und 4?/s Jahren. Das alles natürlich durchschnittlich. Und danach entwickelt das Kind die Fähigkeit, in der ersten Anlage Gedanken innerlich zu erleben. Was später erst, zwischen dem 14. und dem 21. Jahre herauskommt und blüht, das entwickelt sich in der Keimanlage zwischen 42/3 und 7 Jahren. — Die Gestenbildung dauert natürlich fort, aber das andere schiebt sich hinein; so daß wir die Zeit, die Ausdruck der Ausbildung der Gesten in der Hauptsache ist, zu verlegen haben in die ersten 2!/s Jahre. Was während dieser Zeit erworben wird, das sitzt natürlich am allertiefsten; denn wir müssen uns nur vorstellen, wie gründlich das Imitationsprinzip gerade in der allerersten Lebenszeit wirkt.
Cite:
GA 310/1924-07-20/p006 · edition original