Vierter Vortrag

GA 310/1924-07-20/p032 ·1924-07-20 · original (original)

So sehen Sie, die Eurythmie ist aus dem ganzen Menschen, aus physischem Leib, Ätherleib und Astralleib heraus entstanden; sie kann man nur mit anthroposophischer Menschenerkenntnis studieren. Das heutige Turnen richtet sich einseitig physiologisch auf den physischen Leib; und weil die Physiologie nicht anders kann, werden einzelne Vitalitätsgesetze hineingebracht. Aber man erzieht durch das Turnen nicht Totalmenschen, nur Partialmenschen. Es soll damit nichts gegen das Turnen gesagt werden, aber heute überschätzt man es. Deshalb muß heute für die Erziehung die Eurythmie an die Seite des Turnens treten. — Ich möchte nicht zu weit gehen, wie es einmal, nicht von mir, sondern von einem sehr berühmten Physiologen der Gegenwart geschah, der einmal, als ich über Eurythmie sprach, im Auditorium war. Ich sprach es da aus, daß das Turnen heute überschätzt werde, namentlich als Erziehungsmittel, und daß das geistig-seelische Turnen, das in der Eurythmie gepflegt wird neben dem Künstlerischen der Eurythmie, an die Seite des physiologischen Turnens treten müsse. Nachdem ich zu Ende gesprochen hatte, kam der berühmte Physiologe zu mir und sagte: Sie sagen, das Turnen hätte eine Berechtigung als Erziehungsmittel, weil die Physiologen das sagen? Ich, als Physiologe, muß sagen, das Turnen ist überhaupt als Erziehungsmittel eine Barbarei! — Nun, Sie würden sehr erstaunt sein, wenn ich Ihnen den Namen dieses Physiologen nennen würde. Solche Dinge sind auch schon anschaulich in der Gegenwart für Leute, die etwas mitzureden haben, und man muß daher vorsichtig sein, wenn man, ohne die Zusammenhänge zu durchschauen, gewisse Dinge fanatisch vertritt. Am wenigsten kann man in bezug auf die pädagogische Kunst Dinge fanatisch vertreten, weil man es da mit dem vielgestaltigen Leben des Menschen zu tun hat.

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