Vierter Vortrag

GA 310/1924-07-20/p034 ·1924-07-20 · original (original)

Das aber erfordert auch, daß man mit allem Unterricht über das Leblose, wo eben der Ursachenbegriff in Betracht kommt, wartet bis gegen das 12. Jahr, und daß man mit dem geschichtlichen Betrachten über Ursache und Wirkung in der Geschichte, wo es über das Bildhafte hinausgeht und die Ursachen gesucht werden, auch wartet bis gegen das 12. Jahr. Vorher sollte man es nur mit dem zu tun haben, was man an das Kind heranbringt an Seelischem, an Lebendigem. — Die Menschen sind sehr merkwürdig. Da gibt es zum Beispiel eine kulturhistorische Anschauung, die sich Animismus nennt. Die sagt: Wenn das Kind sich an einem Tische stößt, so beseelt es den Tisch, es prügelt ihn; es träumt eine Seele in den Tisch hinein; so hätten es auch die Naturvölker gemacht. — Man stellt sich vor, daß da etwas Komplizierteres in der Seele des Kindes vor sich geht: das Kind soll den Tisch belebt, beseelt denken, und deshalb ihn prügeln, wenn es sich stößt. Es ist das eine phantastische Vorstellung. Wer aber etwas beseelt, das ist eben derjenige, der Kulturgeschichte treibt; der beseelt das Vorstellungsvermögen des Kindes. Aber das Seelische des Kindes ist in einem viel größeren Maßstabe im Körperlichen drinnen als später, wo es sich emanzipiert und als Seelisches frei wirkt. Wenn das Kind sich am Tische stößt, so beginnt eine Reflexbewegung, ohne daß das Kind den Tisch beseelt; es ist reine Willensbewegung, es unterscheidet sich noch nicht von der Außenwelt. Diese Unterscheidung tritt erst ein, wenn gegen das 12. Jahr beim gesunden Kinde der Ursachenbegriff eintritt. Und wenn man mit dem Ursachenbegriff, überhaupt mit so brutalen äußeren Anschaulichkeiten beim Kind zu früh arbeitet, dann ruft man eigentlich fürchterliche Zustände in der Entwickelung des Kindes hervor. Es ist ja sehr schön, wenn man sagt, man soll sich bemühen, dem Kinde alles anschaulich zu machen. Wieviel Nettes ist nach einer gewissen Richtung geschehen unter dem Bestreben, alles anschaulich zu machen. Rechenmaschinen sind aufgetreten, wo Kugeln hin- und hergeschoben werden, um die Rechnungsoperationen anschaulich zu machen. Nun wartet man nur, daß dieselbe Gesinnung die moralischen Begriffe anschaulich macht durch irgendeine Maschine, wo man dann auch irgend etwas verschiebt, wo man das Gute und das Böse so sieht wie man bei der Rechenmaschine sieht, daß 5 + 7 = 12 sind. Aber es gibt eben durchaus Gebiete des Lebens, die unanschaulich sind und die von dem Kinde ganz unanschaulich aufgenommen werden; und wenn man sie anschaulich macht, so täuscht man. Daher ist es falsch, wenn man etwas, was nicht auf Anschaulichkeit gestellt ist, in den pädagogischen Büchern angeraten sieht, in die Anschaulichkeit zu bringen. Es sind manchmal furchtbare Trivialitäten, welche da den Menschen angeraten werden.

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