Zehnter Vortrag
Damit ist auf der einen Seite charakterisiert, wie pädagogische Kunst in der anthroposophischen Bewegung drinnensteht, wie aber auf der andern Seite gerade dadurch, daß sie diese pädagogische Kunst in ihrer Mitte hat, die anthroposophische Bewegung wiederum Schwierigkeiten hat in der Öffentlichkeit des heutigen Lebens. Wenn daher einmal das vorliegt, daß immer mehr und mehr sich ein größerer Kreis findet, wie es hier der Fall ist, der auf das hören will, was Anthroposophie auf dem Gebiete der Pädagogik zu sagen hat, dann ist man, ich möchte sagen, dem Zeitgenius dafür dankbar, daß es möglich ist, über etwas zu sprechen, was einem so sehr auf dem Herzen liegt. Man kann ja immer nur einige Anregungen geben. Besonders in diesem Kursus konnte ich nur einige Anregungen geben. Und im Grunde genommen ist mit diesem Anregungengeben auch nicht allzuviel getan, denn unsere anthroposophische Pädagogik ist Erzieher- und Unterrichtspraxis. Sie lebt erst, wenn sie ausgeführt wird; denn sie will nichts anderes sein als Leben. Sie will im Grunde genommen nicht bezeichnet werden, sondern sie will erlebt werden. Deshalb versucht man, wenn man die Absicht hat anzuregen, was ins Leben übergeführt werden soll, alle mögliche Sprachkunst aufzuwenden, um gerade zu zeigen, wie anthroposophische pädagogische Kunst lebensvoll wirken will. Gewiß, das mag mir vielleicht in diesem Kursus sehr schlecht gelungen sein; aber ich habe es versucht. Und so ist gerade das Pädagogische schicksalsgemäß aus dem Anthroposophischen herausgewachsen. Viele Menschen leben heute noch in dem Anthroposophischen so, daß sie nur eine Weltanschauung für ihr Herz, für ihre Seele haben wollen, so eine Art religiöser Vertiefung für die Seele, und sie sehen es mit scheelen Augen an, daß Anthroposophie nach den verschiedenen Gebieten, dem künstlerischen, medizinischen, pädagogischen und so weiter ihre Kreise zieht. Aber man kann nicht anders, denn Anthroposophie will Leben sein. Sie will aus dem Leben heraus wirken und wiederum in das Leben hinein. Und wenn es ein wenig gelungen ist, gerade mit diesen Vorträgen über pädagogische Kunst, zu zeigen, wie Anthroposophie keine sektiererische Phantastik ist, sondern etwas, was gewissermaßen mit mathematischer Nüchternheit auftreten möchte sobald man ins Geistige hineinkommt, wird eben die mathematische Nüchternheit begeistert, denn Begeisterung ist ein Wort, das mit Geist zusammenhängt, und man kann gar nicht anders, als begeistert zu werden, auch wenn man ganz mathematisch nüchtern ist, wenn man vom Geiste zu reden und zu handeln hat; wenn also Anthroposophie heute noch von manchen wie eine Schwärmerei angesehen wird — man wird schon sehen, daß sie durchaus auf realen Grundlagen fußt: sie will im weitesten Sinne des Wortes Lebenspraxis sein. Und das kann man vielleicht auf solchem Gebiete, wie dem pädagogischen, heute noch am allerbesten zeigen.
Cite:
GA 310/1924-07-24/p021 · edition original