Zweiter Vortrag

GA 312/1920-03-22/p003 ·1920-03-22 · original (original)
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Wir werden von solchen Ausgangspunkten wie den gestern gewählten weiterschreiten und allmählich auch in das Wesen des Menschen weiter vordringen, indem wir aufmerksam werden auf gewisse Polaritäten, die da herrschen. Sie werden schon gestern bemerkt haben, daß wir genötigt sind, die noch bei dem Tier lastenden Kräfte zu einem Parallelogramm zu verbinden mit gewissermaßen senkrecht gerichteten Kräften, und daß wir entsprechend ein Analogon dazu haben in der Muskelreaktion. Wenn diese beiden Gedanken beim Studium des menschlichen Knochensystems und des menschlichen Muskelsystems weiterverfolgt werden, wenn bei ihrer Verfolgung alles zu Hilfe genommen wird, was die Erfahrung heute schon geben kann, so wird man wahrscheinlich aus der Knochen- und Muskellehre etwas ja bald für die Medizin Bedeutsameres machen können, als man bisher gemacht hat. Ganz besonders schwierig wird aber die Verbindung der Menschenerkenntnis mit dem, was die Medizin braucht, wenn heute ausgegangen werden soll von der Herzlehre. Ich möchte sagen: Was sich bei der Knochen- und Muskellehre erst in der Anlage zeigt, ist bei der Anschauung, die sich herausgebildet hat über die Lehre vom Herzen, gründlich herausgekommen. Denn was hat man denn eigentlich so landläufig von dem menschlichen Herzen — wir wollen zunächst uns auf dieses beschränken — für eine Ansicht? Man hat die Ansicht, daß es eine Art von Pumpe sei, welche das Blut in die verschiedenen Organe hineinpumpt. Man hat auch allerlei interessante mechanische Konstruktionen ausgedacht, welche dieses Pumpwerk «Herz» erklären sollen. Nun widersprechen zwar diese mechanischen Konstruktionen durchaus der Embryologie, aber man ist nicht aufmerksam darauf geworden, diese mechanische Herztheorie wirklich einmal für fragwürdig zu halten, sie noch einmal zu kontrollieren, wenigstens nicht sie zu kontrollieren in der landläufigen Wissenschaft. Dasjenige — ich werde die Dinge zunächst skizzieren, und das, was wir in den nächsten Tagen uns vorführen werden, wird ja stückweise immer eine Bestätigung dessen sein, was ich genötigt bin, zuerst als Gesichtspunkt anzugeben —, dasjenige, was man vor allen Dingen berücksichtigen muß bei der Herzanschauung, ist, daß dieses Herz ganz und gar nicht ist, was man eine Art tätigen Organismus nennen kann. Denn die Herztätigkeit ist nicht eine Ursache, sondern sie ist eine Folge. Verstehen werden Sie diesen Satz nur dann, wenn Sie ins Auge fassen die Polarität, die besteht zwischen all denjenigen Tätigkeiten im menschlichen Organismus, die zusammenhängen mit der Nahrungsaufnahme, mit der weiteren Verarbeitung der Nahrung, mit ihrer Überleitung entweder direkt oder dutch Gefäße ins Blut, denn Sie verfolgen, ich möchte sagen, von unten nach oben gehend, im Organismus die Nahrungsverarbeitung bis zu der Wechselwirkung, welche zunächst besteht zwischen dem Blute, das die Nahrung aufgenommen hat, und der Atmung, durch die die Atemluft aufgenommen wird. Wenn Sie sich die Vorgänge, die dabei in Betracht kommen, ganz ordentlich ansehen — man braucht sie wirklich nur ordentlich anzusehen —, so werden Sie finden, daß ein gewisser Gegensatz besteht zwischen all dem, was im Atmungsprozesse liegt, und dem, was im weitesten Umfange im Verdauungsprozesse liegt. Es will da etwas sich ausgleichen. Es will da etwas, was, ich möchte sagen, zueinander hindurstet, sich aneinander sättigen. Man könnte selbstverständlich auch andere Ausdrücke wählen, allein, wir werden uns ja im Laufe der Zeit immer besser verstehen. Es findet eine Wechselwirkung statt, die zunächst besteht zwischen den flüssig gewordenen Nahrungsstoffen und zwischen dem, was luftförmig von dem Organismus durch die Atmung aufgenommen wird. Diese Wechselwirkung, sie ist genau zu studieren. Diese Wechselwirkung besteht in ineinanderspielenden Kräften. Und dasjenige, was da ineinanderspielt, das, möchte ich sagen, staut sich vor seinem gegenseitigen Ineinanderspiel im Herzen. Das entsteht als ein Stauorgan zwischen dem, was ich nun ferner nennen möchte die untere Betätigung des Organismus, Nahrungsaufnahme, Nahrungsverarbeitung, und den oberen Tätigkeiten des Organismus, zu deren unterster wiederum ich rechnen möchte die Atmung. Ein Stauorgan ist eingeschaltet, und das Wesentlichste dabei ist, daß die Herztätigkeit eine Folge der Wechselwirkung ist zwischen dem flüssig gewordenen Nahrungsstoft, also zwischen der Nahrungsflüssigkeit und der von außen aufgenommenen Luft. Alles dasjenige, was sich im Herzen ausdrückt, was man im Herzen beobachten kann, muß als eine Folge betrachtet werden, zunächst im mechanischen Sinne.

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