Zweiter Vortrag
Nur dann versteht man die Polarität im Menschen selbst, wenn man weiß, daß es sich handelt darum, daß der Mensch eigentlich ein solches dualgebautes Wesen ist, das von seiten seines Oberen wahrnimmt sein Unteres. Nun muß ich allerdings das Folgende hinzufügen: Die unteren Tätigkeiten, also den einen Pol des ganzen Menschenwesens, haben wir allerdings gegeben, wenn wir Nahrungsaufnahme, Nahrungsverarbeitung im weiteren Sinne studieren bis zum Ausgleich mit der Atmung. Der Ausgleich mit der Atmung erfolgt dann mit einer rhythmischen Tätigkeit. Wir werden von der Bedeutung unserer rhythmischen Tätigkeit noch zu sprechen haben. Aber verschlungen mit der Atmungstätigkeit, dazugehörig zu der Atmungstätigkeit, müssen wir die Sinnes-Nerven-Tätigkeit ansehen, alles dasjenige, was sich bezieht auf die äußere Wahrnehmung und auf die Fortsetzung dieser äußeren Wahrnehmung, auf ihre Verarbeitung durch die Nerventätigkeit. Wenn Sie also auf der einen Seite sich vorstellen alles dasjenige, was zusammenhängend ist: Atmungstätigkeit, Sinnes-Nerven-Tätigkeit, so haben Sie gewissermaßen den einen Pol der menschlichen Organisation. Wenn Sie zusammennehmen alles dasjenige, was auf der anderen Seite Nahrungsaufnahme, Nahrungsverarbeitung, Stoffwechsel im gewöhnlichen Sinne des Wortes ist, so haben Sie den anderen Pol der Prozesse in der menschlichen Organisation. Das Herz ist im wesentlichen dasjenige Organ, welches in seinen beobachtbaren Bewegungen der Ausdruck ist des Ausgleiches zwischen diesem Oberen und Unteren, welches psychisch oder vielleicht besser gesagt, unterpsychisch das Wahrnehmungsorgan ist, das vermittelt zwischen diesen beiden Polen der menschlichen Organisation. Sie können alles dasjenige, was Ihnen Anatomie, Physiologie, Biologie bieten, studieren auf dieses Prinzip hin, und Sie werden sehen, daß dadurch erst Licht kommt in die menschliche Organisation. Solange Sie nicht unterscheiden zwischen diesem Oberen und Unteren, das durch das Herz vermittelt ist, werden Sie den Menschen nicht verstehen können, denn es ist ein Grundunterschied zwischen alledem, was in der unteren Organisationstätigkeit des Menschen vorgeht, und dem, was in der oberen Organisationstätigkeit vorgeht.
Cite:
GA 312/1920-03-22/p005 · edition original