Zweiter Vortrag
Nehmen wir an, daß im Unteren, also im Nahrungsaufnehmen und im Verdauungsapparat im weiteren Sinne, präponderiert dasjenige, was die inneren chemischen oder auch organischen Kräfte der aufgenommenen Nahrung sind. Im gesunden Organismus muß es so sein, daß alle diejenigen Kräfte, welche in den Nahrungsmitteln selber wirken, welche den Nahrungsmitteln immanent sind, die wir also außen im Laboratorium an den Nahrungsmitteln untersuchen, durch das Obere überwunden sind, daß sie für die Wirksamkeit des Inneren im Organismus gar nicht in Betracht kommen, daß da gar nichts von äußerer Chemie, von äußerer Dynamik und dergleichen geschieht, sondern alles das ganz überwunden ist. Aber es kann so kommen, daß das Obere nicht stark genug ist in seinem Entsprechen, um das Untere wirklich ganz zu durchfassen, um es gewissermaßen ganz zu durchkochen, ich könnte auch sagen, zu durchätherisieren, das würde etwas genauer gesprochen sein, dann ist im menschlichen Organismus ein eigentlich nicht zu ihm gehöriger präponderierender Vorgang, der ein Vorgang ist, wie er sich sonst in der Außenwelt abspielt, wie er sich nicht abspielen sollte im menschlichen Organismus. Es zeigt sich ein solcher Vorgang, weil nicht gleich der physische Leib voll ergriffen wird von solchen Unregelmäßigkeiten, zunächst in dem, was man eben das Funktionelle nennen könnte, in dem Ätherleib, dem Archäus. Wenn wir einen gebräuchlichen Ausdruck wählen wollen, der nur genommen ist, ich möchte sagen, von bestimmten Formen dieser Unregelmäßigkeit, so müssen wir den Ausdruck Hysterie wählen. Hysterie wollen wir wählen als Ausdruck — wir werden später noch sehen, daß der Ausdruck nicht schlecht gewählt ist —, als Terminus für das zu große Selbständigwerden der Stoffwechselprozesse. Die eigentlich hysterischen Erscheinungen im engeren Sinne sind ja nichts anderes als ein Bis-zur-Kulmination-Treiben dieses unregelmäßigen Stoffwechsels. In Wirklichkeit haben wir auch in dem bis zu den sexuellen Symptomen hinreichenden hysterischen Prozesse im wesentlichen nichts anderes vorliegen als solche Unregelmäßigkeiten des Stoffwechsels, die eigentlich Außenprozesse sind ihrem Wesen nach, die nicht im menschlichen Organismus sein sollten, Prozesse also, denen gegenüber sich das Obere zu schwach erweist, um sie zu bewältigen. Das ist der eine Pol.
Cite:
GA 312/1920-03-22/p009 · edition original