Zweiter Vortrag
Dann, wenn solche Erscheinungen mit dem hysterischen Charakter auftreten, dann haben wir es zu tun mit einem Zu-stark-Werden der außermenschlichen Tätigkeit in den unteren Teilen der menschlichen Organisation. Aber es kann dieselbe Unregelmäßigkeit der Wechselwirkung auch eintreten dadurch, daß der obere Prozeß nicht richtig verläuft, daß er so in sich verläuft, daß er die obere Organisation zu stark in Anspruch nimmt. Er ist der entgegengesetzte, gewissermaßen das Negativ der unteren Prozesse, er nimmt die oberen Prozesse zu stark in Anspruch. Er hört gleichsam auf, bevor er sich durch das Herz vermittelt mit der unteren Organisation. Er ist also zu stark geistig, zu stark — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — organisch intellektuell. Dann tritt der andere Pol dieser Unregelmäßigkeiten auf, die Neurasthenie. Diese beiden, ich möchte sagen, noch im Funktionellen steckenden Unregelmäßigkeiten der menschlichen Organisation müssen vor allen Dingen ins Auge gefaßt werden. Denn sie sind gewissermaßen die Defekte, die sich ausdrücken im Oberen, ausdrücken im Unteren. Und man wird allmählich verstehen müssen, wie die Polarität in der menschlichen Organisation dem einen oder dem anderen Mangel unterliegt. Man hat also in der Neurasthenie ein Funktionieren des Oberen, das zu stark die Organe des Oberen in Anspruch nimmt, so daß dasjenige, was eigentlich, vermittelt durch das Herz von oben aus, im Unteren geschehen soll, schon im Oberen geschieht, schon da abgemacht wird, so daß die Tätigkeit nicht hinunterdringt, vermittelt durch die Stauung im Herzen, in die untere Strömung. Sie sehen auch, daß es wichtiger, viel wichtiger ist, ich möchte sagen, die äußere Physiognomie des Krankheitsbildes zu beobachten als durch die Autopsie die defekt gewordenen Organe. Denn was die Autopsie in den defekt gewordenen Organen zeigt, sind doch nur Folgeerscheinungen. Das Wesentliche ist, das ganze Bild, die Physiognomie der Krankheit ins Auge zu fassen. Diese Physiognomie wird Ihnen immer geben in einer gewissen Weise ein nach der einen oder der anderen Richtung zunächst inklinierendes Bild nach dem Neurasthenischen oder nach dem Hysterischen. Aber natürlich, man muß diese Ausdrücke erweitern gegenüber dem gewöhnlichen Wortgebrauch.
Cite:
GA 312/1920-03-22/p010 · edition original