Spiritual Science and Medicine
Es ist eine der oberflächlichsten Anschauungen, wenn man in der ganzen Flora und, wie wir sehen werden, auch in der Fauna, die im Darm auftritt, die überhaupt im menschlichen Organismus auftritt, so etwas sieht wie die Ursache des Krankseins. Es ist schon wirklich eigentlich schrecklich, wenn man heute an die Prüfung der pathologischen Literatur herangeht und bei jedem Kapitel aufs neue darauf stößt: für diese Krankheit ist der Bazillus entdeckt, für jene Krankheit ist der Bazillus entdeckt und so weiter. Das sind alles außerordentlich interessante Tatsachen für die intestinale Botanik und Zoologie des menschlichen Organismus, aber für das Kranksein hat das keine andere Bedeutung als höchstens die eines Erkennungszeichens, eines Erkennungszeichens insofern nämlich, als man sagen kann: Wenn die oder jene Krankheitsform zugrunde liegt, so ist im menschlichen Organismus die Gelegenheit geboten, daß sich diese oder jene interessanten kleinen Tier- oder kleinen Pflanzenformen auf einem solchen Unterboden entwickeln, aber sonst weiter nichts. Mit der wirklichen Krankheit hat diese Entwickelung der kleinen Fauna und kleinen Flora in einem sehr geringen Maße etwas zu tun, höchstens in einem indirekten Maße. Denn sehen Sie, die Logik, die hier entfaltet wird innerhalb der heutigen Medizin, ist eine höchst eigentümliche. Denken Sie einmal, Sie entdecken eine Landschaft, in welcher Sie eine große Anzahl vorzüglich genährter und gut aussehender Kühe finden. Werden Sie dann sagen: weil diese Kühe irgendwie hereingeflogen sind, weil die Landschaft angesteckt worden ist durch diese Kühe, ist das alles, was Sie da sehen, so wie es ist? Es wird Ihnen wohl kaum einfallen, nicht wahr, sondern Sie werden genötigt sein, zu untersuchen, warum in dieser Landschaft fleißige Leute sind, warum ein besonders geeigneter Boden für diese oder jene Tierpflege da ist, kurz, Sie werden wohl bei allem möglichen, was die Ursache sein kann, daß da gut gepflegte Kühe sind, mit Ihren Gedanken Halt machen. Aber es wird Ihnen nicht einfallen, zu sagen: Dasjenige, was da geschieht, kommt davon her, daß die Landschaft angesteckt worden ist durch den Einzug von gut gepflegten Kühen. — Nicht anders aber ist die Logik, welche die heutige medizinische Wissenschaft mit Bezug auf Mikroben und dergleichen eigentlich entwickelt. Man sieht aus der Anwesenheit dieser interessanten Geschöpfe nichts weiter, als daß ein guter Mutterboden da ist, und auf die Betrachtung dieses Mutterbodens hat man selbstverständlich die Aufmerksamkeit zu richten. Daß dann indirekt das eine oder das andere vorkommen kann, wenn man zum Beispiel nun sagt: Hier in dieser Gegend sind gut gepflegte Kühe, geben wir ein paar mehr her, dann werden sich vielleicht einige Leute mehr noch dazu aufraffen, nun auch fleißig zu sein. — Das kann natürlich nebenbei eintreten. Es kann natürlich geschehen, daß ein gut vorbereiteter Mutterboden durch den Einzug von Bazillen angeregt wird, seinerseits nun auch in irgendwelche Krankheitsprozesse zu verfallen. Aber mit der eigentlichen Betrachtung des Krankseins hat diese gegenwärtige Betrachtung des Bazillenwesens in Wirklichkeit nicht das allergeringste zu tun. Würde man nur auf den Ausbau einer gesunden Logik Bedacht nehmen, so würde niemals eigentlich so etwas entstehen können wie das, was da zur Verheerung des gesunden Denkens gerade von offiziell betriebener Wissenschaft ausgeht.
Cite:
GA 312/1920-03-24/p010 · edition original