Spiritual Science and Medicine

GA 312/1920-03-28/p017 ·1920-03-28 · original (original)

Nun brauchen Sie sich, um weiterzugehen, nur an folgendes zu erinnern: Ich will da, wo es geht, ich möchte sagen, rein aus höheren opportunistischen Gründen dasjenige, was auseinanderzusetzen ist, doch anknüpfen an das, was heute gang und gäbe ist, damit Sie auch in der Lage sind, die Brücke zu schlagen zwischen dem, was Geisteswissenschaft geben kann, und dem, was äußere Wissenschaft ist. Natürlich könnte ich jetzt auch das, was ich in den folgenden Sätzen auseinandersetzen werde, noch geisteswissenschaftlicher charakterisieren, aber ich will anknüpfen an gebräuchliche Vorstellungen der heutigen Wissenschaft, die eben schon da sind. Der Physiologe spricht heute von dem, was ihm vorliegt, was dem Geisteswissenschafter aus dem Grunde nicht vorzuliegen braucht, weil er nicht in diesem selben Sinne zu anatomisieren braucht. Aber knüpfen wir eben an die gebräuchlichen Vorstellungen an. Wir haben ja nicht nötig, die anatomisierenden Unfuge der anderen aufzunehmen, aber wir müssen doch mit dem Faktum rechnen, daß sie eben schon dagewesen sind und ihre Ergebnisse geliefert haben. Aufhören werden sie doch nur, wenn Naturwissenschaft etwas von Geisteswissenschaft befruchtet worden sein wird. Also prüfen wir einmal! Es wird dann aus der Geisteswissenschaft ganz klar werden, welch nahe Verwandtschaft, welch nahe Beziehung besteht zwischen jenem Prozeß, der sich im Auge abspielt, und dem Prozeß, der sich im Geruch und namentlich im Geschmack abspielt, in dem Ausbreiten des Geschmacksnervs in der übrigen Organsubstanz und in dem Ausbreiten des Augennervs im Auge. Da besteht eine so nahe Verwandtschaft, daß man eigentlich fast nicht umhin kann, wenn man das Innerliche des Sehvorganges charakterisiert, Analogien zum Geschmacksvorgang zu suchen. Natürlich, da beim Ausbreiten des Geschmacksnervs in der organischen Substanz sich nicht dasjenige anschließt, was die kunstvolle Bildung des Auges ist, die der Ausbreitung des Sehnervs in der organischen Substanz vorgelagert ist, so ist das Sehen etwas ganz anderes. Aber dasjenige, was gewissermaßen als Sehvorgang beginnt hinter dem kunstvollen Ausbau des physischen Auges, das ist schon sehr innerlich verwandt mit dem Geschmacksvorgang. Ich möchte sagen: Wir vollziehen im Sehen ein metamorphosiertes Schmecken, metamorphosiert dadurch, daß wir eben den Organvorgängen, die sich im Schmecken abspielen, all dasjenige vorgelagert haben, was durch den kunstvollen Bau des Auges bedingt ist.

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