Dreizehnter Vortrag

GA 312/1920-04-02/p024 ·1920-04-02 · original (original)
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Der richtige Beobachter wird eigentlich auf diesem Gebiete immer der wirklich durchgebildete Psychologe sein. Denn in dem psychischen Leben mit seiner großen Mannigfaltigkeit, mit seiner Art, oftmals nur andeutend zu wirken, liegt außerordentlich viel, und da muß man sich eine richtige Beobachtungsmöglichkeit wirklich allmählich aneignen. Ich kann das durch ein Beispiel erläutern: einfach deshalb, weil es beim Menschen gar nicht so steht, daß er in bezug auf seine Fähigkeiten — womit ich jetzt alles dasjenige meine, was auch in den Befähigungen liegt durch das körperliche Organisiertsein, das ja das Werkzeug wird für das geistige Organisiertsein — nicht einfach geartet ist, nicht einfach gestaltet ist. So sonderbar das klingt, es ist durchaus möglich, daß irgend jemand Eigenschaften an sich hat, durch die man gezwungen ist, ihn als einen Schwachkopf zu bezeichnen, als einen schwachsinnigen Menschen, daß er aber Dinge von sich gibt, die geistreich und genial sind. Das ist durchaus möglich. Das ist aus dem Grunde möglich, weil jemand durch seinen Schwachsinn sehr suggerierfähig sein kann, sehr leicht die geheimnisvollen Einflüsse der Umgebung in sich spiegeln kann. Kulturhistorisch-pathologisch kann man da die interessantesten Beobachtungen machen. Man braucht ja selbstverständlich bei den Ergebnissen solcher Untersuchungen nicht Namen zu nennen; dadurch wird natürlich auch der Glaube etwas erschüttert, aber es geht nicht gut, Namen zu nennen. Es ist insbesondere im Journalismus die Eigentümlichkeit vorhanden, daß eigentlich schwachsinnige Köpfe deshalb gute Journalisten werden können, weil sie imstande sind, durch ihren Schwachsinn nicht ihre eigensinnige Meinung zu geben, sondern dasjenige, was Meinung der Zeit ist. Die spiegelt sich durch sie, so daß zum Beispiel die Ausführungen schwachsinniger Journalisten viel interessanter sind als die Ausführungen eigensinniger, starksinniger Journalisten. Man erfährt viel mehr dasjenige, was die Menschheit denkt, durch schwachsinnige Journalisten als durch starksinnige Journalisten, die immer darauf aus sind, ihre eigene Meinung zu bilden. Da kommt - es ist nur ein extremer Fall, der aber im Leben immer wieder eintritt — das zustande, was man im höchsten Maße eine Maskierung des eigentlichen Falles nennen kann. Man merkt aus dem Grunde einen bestehenden Schwachsinn nicht, weil zunächst etwas auftritt, was sogar eine sehr genialische Äußerung sein kann. Nun natürlich, im gewöhnlichen Leben macht das nicht viel, denn schließlich schadet es ja nicht, wenn unsere Zeitungen durch Schwachsinnige geschrieben werden, wenn sie nur Gutes bringen, nicht wahr. Aber gerade in den radikalen Fällen, wo dann die Sache den Punkt überschreitet und in die Krankheitsform übergeht, führt es dazu, daß man sich wirklich einen unbefangenen, einen sehr unbefangenen Blick aneignen muß für die Beobachtung eines Seelenzustandes von Menschen, die eben in das psychiatrische Gebiet dann hineinfallen. Da wird man nicht immer nach dem, worin sich maskiert hat ihre Seelentätigkeit, beurteilen können, sondern man wird nach tiefer liegenden Symptomen urteilen müssen. Man wird sich daher immer sagen müssen: Bei der Beobachtung des Seelenzustandes ist das Verfallen in Irrtum am allerallerstärksten überhaupt möglich, weil es sich nicht so sehr darum handelt, ob der Mensch zum Beispiel gescheite Gedanken äußert, sondern ob er, wenn er gescheite Gedanken äußert, zum Beispiel zur Tendenz neigt, diese gescheiten Gedanken öfter zu wiederholen, als es nötig ist für den Zusammenhang. Das Wie, wie jemand seine Gedanken äußert, das ist das Wichtige. Ob jemand Gedanken sehr häufig wiederholt oder ob jemand Gedanken ausläßt, so daß man keine Übergänge hat, das ist viel wichtiger, als ob die Gedanken gescheit oder dumm sind. Es kann einer ein ganz gesunder Mensch sein und trotzdem dumm, bloß physiologisch dumm, nicht pathologisch dumm. Es kann einer gescheite Gedanken äußern und die Disposition zur sogenannten Geisteskrankheit in sich haben, auch ihr verfallen, was dann daran zu bemerken ist, viel eher als an etwas anderem, daß er an Auslassungen von Gedanken leidet oder daß er an öfteren Wiederholungen von Gedanken leidet. Derjenige, der an öfteren Wiederholungen leidet, trägt immer eine Anlage in sich, die im Grunde mit einem nicht ordentlichen Lungenbildungsprozeß zusammenhängt. Derjenige, der an Auslassungen von Gedanken leidet, trägt immer die Zusammenhänge mit einem nicht richtig funktionierenden Leberprozeß in sich. Die anderen Dinge stehen in der Mitte drinnen.

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