Sechzehnter Vortrag
Was liegt denn eigentlich vor für das Heraufkommen einer Anschauung, die in den Bahnen der Psychoanalyse läuft? Es liegt das vor, daß durch die heutige vielfach unnatürliche Lebensweise, die gar nicht den Menschen, soweit es notwendig ist, anpaßt an die äußere Umwelt, vieles nicht verarbeitet wird, was auf den Menschen Eindruck macht in der Kindheit. Es bleiben einfach Dinge einverleibt dem Seelenleben, die nicht in der entsprechenden Weise sich auch dem Organismus einverleiben. Denn alles, was im Seelenleben wirkt, wenn auch die Wirkung noch so leicht ist, setzt sich ja fort oder soll sich wenigstens fortsetzen in die Wirkung auf den Organismus. Aber bei unseren Kindern gibt es ja viele Eindrücke, die so sehr unnormal sind, daß sie Seeleneindrücke bleiben. Sie können sich nicht in organische Eindrücke gleich umsetzen. Dann wirken sie als Seeleneindrücke weiter, und statt daß sie nun mitmachen die ganze Entwickelung des Menschen, bleiben sie isolierte Seelenimpulse. Hätten sie die ganze organische Entwickelung mitgemacht, wären sie nicht isolierte Seelenimpulse geblieben, so würden sie nicht im späteren menschlichen Leben die Organe in Anspruch nehmen, die nur fürs Alter eigentlich da sind, die nicht mehr da sind, um jugendliche Eindrücke zu verwerten. Da entsteht im ganzen Menschen eine Ungehörigkeit. Er ist gezwungen, seelische Isolierungen auf die nicht mehr dazu geeigneten Organe einwirken zu lassen. Da entstehen dann diejenigen Erscheinungen, die man in der Tat konstatieren kann durch eine richtig angewendete psychoanalytische Methode. Man kann, wenn man den Menschen katechisiert, gewisse Dinge finden, die er in seinem Seelenleben hat, die einfach nicht verarbeitet sind und die verheerend wirken in den Organen, die schon zu alt geworden sind für diese Verarbeitung. Aber das Wichtige ist, man kann auf diesem Wege niemals zu einer Therapie gelangen, sondern nur zu einer Diagnose. Hält man es dabei, daß man die Psychoanalyse nur als Diagnose verwendet, dann tut man ja eigentlich etwas, was in gewisser Art berechtigt ist, wenn es taktvoll ausgeführt wird, wenn nicht das eintritt, was ich durch allerlei Briefchen, die mir geschrieben worden sind, belegen könnte, daß von Psychoanalytikern sogar wirklich wie Spione das Wartepersonal benützt wird, so daß man da durch alle möglichen Umstände durch das Wartepersonal herauszubekommen versucht alles mögliche, was man dann in der Katechisation dem Kranken abgewinnen will. Diese Sache liegt so vielfach vor, daß natürlich in all diesen Dingen ein greulicher Unfug steckt. Aber sieht man ab davon — und wirklich, bei solchen Dingen kommt es ja so sehr an auf die moralische Verfassung derjenigen Personen, die mit so etwas zu tun haben —, so kann man sagen: Diagnostisch liegt etwas von Wahrheit in der Psychoanalyse, aber es ist niemals möglich, auch therapeutisch auf dem Wege zu wirken, den nun die Psychoanalytiker einschlagen wollen. Das hängt wiederum zusammen mit einer Zeiterscheinung.
Cite:
GA 312/1920-04-05/p014 · edition original