Zur Psychiatrie

GA 314/1920-03-26/p003 ·1920-03-26 · original (original)
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Es ist natürlich nicht möglich, heute noch über dieses Thema, das ja eine erschöpfende Behandlung erfordern würde, wenn man überhaupt darauf eingehen wollte, irgendwie anders als höchstens mit ein paar Andeutungen zu sprechen zu kommen, denn das psychiatrische Studium erfordert ja gerade in unserer Zeit ganz gewiß die allerdurchgreifendsten Reformen. Schon wenn man bloß darauf sieht, wie es heute eigentlich unmöglich ist, die Fragestellungen richtig zu machen, die in der Psychiatrie figurieren müssen, so wird man darauf kommen, wie notwendig eine solche Reform eines psychiatrischen Studiums ist. Allein eine solche Reform wird nicht eintreten können — denn das schien mir schon aus dem Vortrag von Dr. Husemann selbst hervorzugehen —, wenn nicht vorher Geisteswissenschaft wirklich die einzelnen Fachwissenschaften befruchtet. Denn jene Entwickelung, die ja heute Dr. Husemann so schön geschildert hat, die eingesetzt hat etwa um die Zeit Galileis und die dann kulminiert hat im 19. Jahrhundert, diese wissenschaftliche Entwickelung hat eigentlich in zwei schroff einander gegenüberstehenden Denkströmungen das ganze menschliche Gedankenleben auseinandergetrieben. Auf der einen Seite stehen die Vorstellungen, die man über das Materielle und seine Vorgänge hat, auf der anderen Seite steht das Gedankenleben selbst, das, ich möchte sagen, immer mehr und mehr einen rein abstrakten Charakter angenommen hat. So daß, da Abstraktionen keine Kräfte der Welt sein können, also auch im Menschen keine Kräfte sein können, die etwas bewirken, auch für den Menschen nicht die Möglichkeit vorliegt, vom Seelischen aus das Materielle, das Physische zu begreifen, vom Psychischen aus irgendeine Brücke zu schlagen zum Materiellen.

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