{"corpus":"steiner","locus":"GA 314/1920-10-08/p003","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ich will anknüpfen an dasjenige, was ich gestern am Schlusse dieser Betrachtungen gesagt habe. Es handelte sich darum, daß hingewiesen wurde auf eine Persönlichkeit, die gewissermaßen durch ihre philosophischen Instinkte getrieben worden ist von der Erkenntnis des Geistig-Seelischen in ein Ahnen des Zusammenhanges dieses Geistig-Seelischen mit dem physisch-leiblichen Dasein des Menschen. Es handelt sich um die Persönlichkeit Schellings, und ich habe gesagt, daß aus diesen Instinkten heraus Schelling sich ja auch nicht nur in theoretischer Medizin, sondern mit allerlei Heilbehandlungen praktisch betätigt hat. Ich weiß nicht, ob dies mit größerer oder geringerer Befriedigung geschehen ist, als es bei manchen gut präparierten Ärzten geschieht. Denn diese Frage, wieviel durch einen Heilprozeß zur Besserung eines Menschen beigetragen wird, ist ja in den meisten Fällen, wenn man es nicht gerade innerlich anschaut, ohnedies eine sehr problematische. Schelling hat aber aus dieser ganzen Seelenverfassung heraus, aus der ihm dieser Instinkt geworden ist, ein Prinzip gewonnen, von dem man allerdings sagen kann, daß es gut wäre, wenn es eine Art inneres Prinzip für jeden Arzt würde, so würde, daß der Arzt gewissermaßen seine ganze praktische Anschauung vom Wesen des gesunden und kranken Menschen aus diesem Prinzipe heraus einstellen würde. Und ich habe eben die Schellingschen Worte selber angeführt. Sie sind eine Art von Kühnheit. Er sagte einfach: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen. — Nun, nicht wahr, dasjenige, was einem zuerst auffallen muß, wenn jemand, der ein genialischer Mensch ist, einen solchen Ausspruch tut, das ist ja die ganz offenbare Absurdität dieses Ausspruches. Denn niemand wird sich im Ernste zutrauen, daß er als irdischer Mensch im physischen Leibe imstande ist, irgend etwas von der Natur durch das Naturerkennen auch zu schaffen. Selbstverständlich wird in der Technik fortwährend geschaffen, aber da handelt es sich ja nicht darum, etwas wirklich in dem Sinne zu schaffen, wie es Schelling meint, sondern nur durch eine Zusammenstellung, Komponierung der Naturkräfte der Natur Gelegenheit zu geben, ihrerseits zu schaffen in einer bestimmten Weise und durch eine bestimmte Anordnung und so weiter. Also wir haben es im Grunde genommen zu tun mit einer Absurdität, die ein genialischer Mensch seinem ganzen Denken doch eigentlich zugrunde legt. Und ich habe Ihnen gestern einen anderen Satz angeführt, welcher dem: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen — entgegengestellt werden kann und der da heißen würde dann: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören. — Diesen letzteren Satz hat wohl Schelling nicht in einer so grundsätzlichen Weise ausgesprochen. Aber derjenige, der nun in der neueren Zeit wiederum an Geisteswissenschaft herantritt und eigenes Geistesforschen entwickelt, der sieht, daß im Grunde genommen beide Sätze zurückweisen auf uralte Erkenntnisinspirationen. Gewiß, Schelling, der nach keiner Richtung hin ein Eingeweihter war, sondern einfach ein genialischer Mensch, Schelling hat aus seinen Instinkten heraus den einen Satz geprägt. Dieser eine Satz erinnert einen sogleich, wenn man nun solche Studien macht, die eben in der Zeit Schellings nicht gemacht worden sind, daß er anklingt an uralte Weistümer. Dann wird man herübergetragen zu dem anderen Satze, der in einer ähnlichen Weise aus uralten Weistümern heranklingt. Beide Sätze sind mit der gewöhnlichen heutigen Verstandeserkenntnis, die wir in unseren Wissenschaften anwenden, nicht irgendwie zu begreifen. Beide sind eigentlich so nebeneinander betrachtet und für sich betrachtet eine Absurdität. Sie weisen aber auf Allerwichtigstes in der Menschheitsorganisation, sowohl für den gesunden wie für den kranken Zustand, hin.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-10-08","location":null,"word_count":549,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/314/1920-10-08/p003","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/314/1920-10-08/p003"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/314/1920-10-08/p003"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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