Zweiter Vortrag
Nun, ein jeder Mensch aber, der sich solches Schauen aneignet, weiß, daß die Dinge nicht so sind, daß etwa diese geistig-seelischen Kräfte, die da im ersten Kindheitsalter organisierend den Organismus durchtränken, etwa mit dem Zahnwechsel vollständig aufhören. Sie machen nur eine Etappe durch. Sie werden gewissermaßen auf eine geringere Wirkungsmenge herabgedrängt, so daß wir später durchaus noch organisierende Kräfte in uns haben. Aber wir haben uns erobert das Gedächtnisbildende, das mit dem Zahnwechsel in das Bewußtsein eintritt und sich dadurch loslöst von der Organisation. Wir haben das Gedächtnis aus seinem latenten Zustande in sein Freiwerden hereinbekommen, haben als seelische Anschauungskraft unsere Wachstums-, unsere Bewegungskraft, unsere Gleichgewichtskraft, die dann in entsprechend erhöhtem Maße im ersten Kindheitsalter wirken. Aber Sie sehen daraus, daß in der normalen Menschheitsentwickelung in einer gewissen Weise bis zu einem Maß herab diese organisierende Kraft, diese Wachstumskraft gewissermaßen umgewandelt werden muß in geistig-seelische, sagen wir, in Erinnerungskraft, in gedankenbildende Kraft. Nehmen wir aber an, durch irgendeinen Vorgang werde zuviel von dieser organisierenden Kraft, die im ersten Kindheitsalter wirkt, zurückgehalten, es sei einfach die Entwickelung so gestaltet, daß nicht genug Kräfte der Organisation in gedächtnisbildende Kraft umgewandelt werden, dann bleiben sie unten im Organismus stecken, dann werden sie gewissermaßen nicht mit jedem Einschlafen in den Schlaf ordentlich hineingetragen, sondern wirken vom Einschlafen bis zum Aufwachen im Organismus weiter, durchrumorend den Organismus.
Cite:
GA 314/1920-10-08/p006 · edition original