Zweiter Vortrag

GA 314/1920-10-08/p013 ·1920-10-08 · original (original)
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Umgekehrt, wenn man es nun mit Geisteskrankheiten zu tun hat, mit sogenannten Geisteskrankheiten, dann wird man ein Abstraktling bleiben, wenn man glaubt, aus einer halben Phänomenologie irgend etwas gewinnen zu können, wenn man glaubt, dadurch, daß man einfach die geistig-seelischen Abnormitäten beschreibt — was zu beschreiben ja sehr nützlich ist —, irgend etwas gewinnen zu können. Mit diesen Beschreibungen kann man natürlich Sensationen bei Laien sehr gut hervorrufen, denn es ist immer interessant, wie irgend jemand, der närrisch ist, abweicht von dem normalen Maß des Lebens. Denn interessant ist das Seltene, und es ist in unserer Zeit doch so, daß wenigstens noch als Seltenheit auftritt dasjenige, was in dieser Weise vom normalen Leben abweicht. Aber dabei stehenzubleiben, darum kann es sich nie handeln. Insbesondere kann es sich nicht darum handeln, etwa hinzutreiben zu dem laienhaft dilettantischen Urteil, daß der Geist und die Seele erkrankt seien, und daß man den Geist und die Seele nun irgendwie durch geistigseelische Maßnahmen, wie es sich die Abstraktlinge träumen, kurieren kann. Nein, gerade bei den sogenannten Geisteskrankheiten hängt es in eminentester Weise davon ab, daß man überall hinweisen kann darauf, wo die Unterorganisation irgendeines Organes sitzt. Derjenige, der eine bis zur Geisteskrankheit getriebene Melancholie oder Hypochondrie wirklich erkennen will, soll nicht im Seelischen herumwaten, sondern der soll versuchen, aus der Unterleibsbeschaffenheit des betreffenden Menschen zu erkennen, wie da die Unterorganisation in der Unterleibsorganisation des Menschen wirkt, wie eine unter dem normalen Maß wirkende Organisationskraft gewissermaßen etwas herausfallen läßt, wie man in der Chemie sagt; man fällt etwas heraus aus irgendeiner Lösung und dergleichen, so daß ein Bodensatz entsteht, wie dadurch eine zu geringe Organisationskraft Physisch-Leibliches, das sonst von der Organisationskraft durchdrungen wäre, herausfällt, wie es im Organismus als Physisch-Leibliches dann vorhanden ist, wie es abgelagert wird, was in Leber, in Galle, im Magen, im Herzen, in der Lunge vorgeht. Vorgänge, die allerdings nicht so bequem zu untersuchen sind, wie man gern möchte in unserer heutigen, an das Grobe — denn das Histologische ist auch ein Grobes — sich wendenden Zeit. Psychologien sind nötig zu einer solchen Untersuchung, aber überall ist es nötig, daß die sogenannten Geisteskrankheiten zurückgeführt werden auf körperliche Zustände.

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Cite: GA 314/1920-10-08/p013 · edition original