Zweiter Vortrag

GA 314/1920-10-08/p017 ·1920-10-08 · original (original)
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Diese Dinge mußte ich zugrunde legen, wenn ich Ihnen nun auch einiges über Richtlinien mit Bezug auf das Therapeutische morgen andeuten möchte. Dasjenige aber, was wir so durch ein Befruchten des Physiologisch-Therapeutischen mit dem Geisteswissenschaftlichen finden, hat schon auch seine soziale Seite. Und es ist das Eigentümliche des Lebens, daß wir jetzt überall, wenn wir nicht in einem abstrakten Zurückziehen in ein lebensfeindliches Gelehrtendasein das Wissenschaftliche suchen, sondern in der lebensvollen Auffassung des menschlichen Daseins, des menschlichen Zusammenseins, dann gerade durch eine wirkliche lebendige Wissenschaft in das Soziale hineingetrieben werden. Denn wir haben zum Beispiel ein außerordentlich interessantes soziales Phänomen in der neuzeitlichsten Entwickelung vor uns. Wir sehen, wie durch (die Spaltung der Menschen auf der einen Seite hinauf in ein bourgeois-aristokratisches Wesen, auf der anderen Seite hinunter in das proletarische Wesen, das einseitig aristokratische Wesen ergriffen wird von einem falschen Geistessuchen, von dem Materialismus auf geistigem Gebiete, und wie das proletarische Wesen ergriffen wird von einem gewissen Spiritualismus auf materiellem Gebiete. Was heißt Spiritualismus auf materiellem Gebiete? Es heißt, stehenzubleiben, wenn man nach den Ursachen des Daseins sucht. Das Proletariat hat daher den wissenschaftlichen Materialismus als eine Lebensanschauung ausgebildet, in derselben Zeit, als das aristokratische Element die Geistlehre materialistisch ausgebildet hat. Während die Proletarier Materialisten geworden sind, sind die Aristokraten Spiritisten geworden. Denn wenn Sie unter den Proletariern Spiritisten finden, so ist das nicht aus dem eigenen proletarischen Kraut, sondern es ist «Mimicry», es ist nachgeahmt, es ist bloß etwas, was durch Ansteckung — ich werde morgen von Ansteckung sprechen — hinübergedrungen ist aus dem aristokratisch-bourgeoisen Element. Und wenn Sie unter Aristokraten den Materialismus auf der anderen Seite ausgebildet sehen also dadurch, daß sich die Geister materiell anschauen lassen, wie man Flammen anschaut, daß man also den Materialismus hineinträgt in das Allergeistigste und das Geistige materiell sehen will, dann wächst das aus jener ursprünglichen dekadenten Einseitigkeit, die sich aus dem Gesamtmenschlichen, aus der Totalität heraus hinwendet eben auf der einen Seite nach dem aristokratischen und nach dem bourgeoisen Element, das von dem aristokratischen Element angekränkelt ist. Wenn dasjenige, was sich, wenn es den Geist anwendet, gezwungen fühlt, in der Materie stehenzubleiben, weil es nicht durch entsprechende Schulbildung und dergleichen herausgezogen wird, wenn das Proletariat gezwungen wird, beim Geistsuchen in der Materie stehenzubleiben, dann entwickelt sich der Materialismus als Lebensanschauung. Der Materialismus wurde entwickelt von dem Proletariat als Lebensanschauung zum Beispiel in der materialistischen Geschichtsauffassung. Der Materialismus wurde entwickelt von den mehr aristokratischen Menschen als Spiritismus, denn der Spiritismus ist Materialismus, maskierter Materialismus, der dazu noch nicht einmal dabei bleibt, ehrlich sich zu bekennen, sondern der lügt und der behauptet, daß seine materiellen Bekenner spirituelle Geister seien. Nach dieser Reminiszenz wollen wir dann morgen in unseren Betrachtungen fortfahren.

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Cite: GA 314/1920-10-08/p017 · edition original