Dritter Vortrag
Es wird natürlich nur möglich sein, über spezielle Heilungsverfahren einiges im allgemeinen anzudeuten in der kurzen Zeit, die gerade für diesen therapeutischen Teil unserer Veranstaltung zur Verfügung stehen kann. Andererseits ist es auch eine etwas, ich möchte sagen, zweifelhafte Sache, über das Spezielle gerade des Medizinischen Detailangaben machen zu müssen, wenn man nicht, wie das zum Beispiel im Frühling hier der Fall war, vor einem rein fachlichen Publikum steht. Denn so sehr es auf der einen Seite für die Zukunft der Menschheitsentwickelung notwendig sein wird, daß die weitesten Kreise von den allgemein richtunggebenden Faktoren des Heilens, gewissermaßen den Konsequenzen der Medizin, Verständnis sich werden erwerben müssen, damit ein vertrauensvolles, aber auf der Sache begründetes Verhältnis zwischen dem Arzte und den Patienten bestehen könne, und so sehr es notwendig sein wird, daß ein solches Verständnis der Richtungslinie des Medizinischen für eine Sozial-Hygiene in weitesten Kreisen wird errungen werden müssen, sowenig ist es auf der anderen Seite wünschenswert, daß in das Medizinische allzu stark dilettantisches und laienhaftes Urteil hineinspielt, was ja leider durch den Zustand des medizinischen Wesens in der neueren Zeit reichlich geschehen ist. Es muß durchaus betont werden, daß es wenigstens nicht meine Absicht sein kann, irgendwie das Kurpfuschertum zu fördern, sondern daß innerhalb unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ganz entschieden das Bestreben vorhanden sein muß, die wirkliche, auf treu methodischem Studium beruhende medizinische Wissenschaft als medizinische Kunst zu fördern, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse in diese wirkliche medizinische Kunst hineinzubringen. Also nicht etwa auf seiten derjenigen soll hier gestanden werden, die aus einer, man könnte sagen, unbegrenzten Unkenntnis desjenigen, was sie eigentlich reden, gegen alles mögliche, was sie Schulmedizin nennen und dergleichen, Sturm laufen. Auf seiten dieser Leute sollte hier wahrhaftig nicht gestanden werden. Dann ist noch etwas zu berücksichtigen, wenn Dinge besprochen werden, wie die zum Beispiel heute in Frage kommenden. Es ist in die Medizin etwas eingedrungen in der neueren Zeit, es war in einem gewissen Sinne gewiß seit langem da, aber in der neueren Zeit hat es sich mit all der Vehemenz bemerklich gemacht, mit der sich nun schon einmal in unserer chaotisch wirkenden sozialen Ordnung Dinge bemerklich machen: das ist die Parteibildung sogar innerhalb des medizinischen Wesens. Und die sich bekämpfenden Parteien stehen sich auf diesem Boden kaum anders gegenüber als, ich möchte sagen, politische Parteien. Daß das nicht förderlich sein kann für das medizinische Wesen, das ist im allgemeinen leicht einzusehen, und der Streit der Allopathen mit den Homöopathen, der sogenannten Schulmediziner mit den Naturheilkundigen und so weiter, hat nun reichlich Verwirrung gebracht in dasjenige, was wir als Verständnis für das medizinische Wesen in weiteren Kreisen unserer Menschheit nötig haben. Das alles mußte ich vorausschicken, damit nur ja auf keinen falschen Boden gestellt werde dasjenige, was ich heute noch zu sagen haben werde.
Cite:
GA 314/1920-10-09/p003 · edition original