Dritter Vortrag
Aber diese Anschauung muß sich in dem Augenblicke, wo man von einer gesunden Physiologie zu einer gesunden Pathologie und Therapie vorschreitet, modifizieren, das heißt, ich möchte sagen, in einer noch genaueren Weise ausbilden. Sie muß sich nämlich zusammengliedern mit jener Anschauung vom Wesen des Menschen, die hier schon wiederholt vorgebracht worden ist, aber in ganz anderem Zusammenhange, als wir sie heute nötig haben. Es ist die Anschauung von der Dreigliederung des menschlichen Organismus. Wir haben es ja im Menschen auf der einen Seite zu tun mit einer Dreigliederung des seelischen Wesens im Vorstellenden, im Fühlenden und in den Willensimpulsen. Aber diese Dreigliederung des seelischen Wesens entspricht ganz genau einer Dreigliederung des physisch-körperlichen Wesens in eine Art Kopfsystem oder Nerven-Sinnessystem, in ein rhythmisches System und in ein Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Ich bemerke ausdrücklich, daß diese Gliederung des menschlichen Organismus nicht eine verstandesmäßige sein darf, sondern eine anschauliche. Denn derjenige, der da etwa unter dem Kopfsystem verstehen würde dasjenige, was bis zum Halse reicht, und dann unter dem Zirkulations- oder rhythmischen System dasjenige, was den Rumpf umfaßt, und dasjenige, was das Verdauungssystem mit Gliedmaßensystem, Sexualsystem umfaßt, der würde, wenn er eine solche äußerliche Gliederung vornähme, eben durchaus nicht dasjenige treffen, was sachgemäß ist. Sondern es handelt sich darum, daß das Nerven-Sinnessystem hauptsächlich im Kopfe lokalisiert ist, daß es sich aber über den ganzen übrigen Organismus als solches ausdehnt. So daß wir in einem gewissen Sinne, wenn wir hier in anthroposophischer Absicht von dem Nerven-Sinnessystem zu sprechen haben, sagen müssen, es ist dasjenige System von Funktionen im menschlichen Organismus — denn wir haben es nicht mit Raumesabgrenzungen, sondern mit Funktionsabgrenzungen zu tun —, welches ja im wesentlichen im Haupte lokalisiert ist, aber die Hauptestätigkeit über den ganzen Menschen ausdehnt, so daß in gewisser Beziehung der ganze Mensch wiederum Haupt ist. Ebenso ist es für die anderen Systeme. Und es war daher ein bloßer Unfug, wenn ein leichtfertiger Medizinprofessor, welcher nicht die Absicht hatte, in diese Dinge einzugehen, wohl aber die Absicht hatte, diese Dinge vor der Welt zu verleumden, von dem «Bauchsystem» gesprochen hat, um zu diskreditieren dasjenige, was mit dem Stoffwechselsystem eigentlich gemeint ist. Er hat eben gezeigt, daß er durchaus kein Verständnis dafür hat, wie es bei dieser Gliederung ankommt auf das Funktionelle und nicht auf das räumlich Abzugrenzende.
Cite:
GA 314/1920-10-09/p005 · edition original