{"corpus":"steiner","locus":"GA 314/1920-10-09/p008","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Sie sehen da, daß wir im menschlichen Organismus drei voneinander verschiedene Systeme haben, die in verschiedener Weise das Seelenleben tragen. Nun sind diese Systeme aber nicht nur voneinander verschieden, sondern sie sind auch entgegengesetzt — wie gesagt, ich kann diese Dinge heute nur skizzieren —, so daß wir auf der einen Seite haben das Nerven-Sinnessystem, auf der anderen Seite all das haben, was die Funktionen des Stoffwechselsystems, des Stoffwechsel-Gliedmaßensystems ausmachen (siehe Zeichnung). Über den Zusammenhang des Stoffwechsels mit den Gliedmaßen können Sie ja sich Vorstellungen machen, wenn Sie einfach die Wirkungen der bewegten Glieder auf den Stoffwechsel ins Auge fassen. Diese Wirkung ist eine viel größere, als man gewöhnlich innerhalb des äußeren Bewußstseins meint. Aber diese beiden Systeme, ich möchte sagen, das Nerven-Sinnessystem und das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, sie sind auch in einer gewissen Weise polarisch entgegengesetzt. Und diese polarische Entgegensetzung muß für eine gesunde Pathologie und Therapie, namentlich für eine solche Pathologie, die ganz organisch herüberführt in die Therapie, gründlich ins Auge gefaßt werden und für alle einzelnen Details, deren es natürlich unzählige gibt, sorgfältig studiert werden. Denn wenn man in die Detailwirkungen eingeht, dann stellt sich folgendes heraus. Es stellt sich heraus, daß im hohen Grade das vorhanden ist, was ich schon gestern andeutete. Wir haben innerhalb alles dessen, was zusammenhängt mit dem Kopfsystem oder Nerven-Sinnessystem Abbauprozesse, so daß, während unser Vorstellen im wachen Zustande verläuft, während wir wahrnehmen und vorstellen, dieses Wahrnehmen und Vorstellen nicht gebunden ist etwa an Wachstums- und Aufbauprozesse, sondern an Abbauprozesse, an Ausscheidungsprozesse. Und man wird darauf kommen eigentlich, wenn man in ganz gesunder Weise anschaut dasjenige, was heute schon die empirischphysiologische Wissenschaft nach dieser Richtung darbietet. Es ist heute im Grunde genommen schon der empirische Beweis auch dafür vorhanden, oder ich könnte besser sagen, die empirische Bestätigung für dasjenige, was da die Geisteswissenschaft durch Anschauung liefert. Verfolgen Sie nur dasjenige, was gewisse geistvolle Physiologen beizubringen vermögen über die physischen Vorgänge im Nervensystem, die sich abspielen als Parallelerscheinungen des Vorstellens und Wahrnehmens. Dann werden Sie sehen, daß durchaus diese Behauptung, daß wir es zu tun haben mit Ausscheidungs- und Abbauprozessen, nicht mit Aufbauprozessen, während wir denken, wachend denken und wahrnehmen, heute schon sehr gut gestützt ist. Dagegen haben wir es da, wo die Willensprozesse sich vermitteln für den Menschen im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, mit Aufbauprozessen zu tun. Nun stehen aber alle einzelnen Funktionen des Menschen durchaus miteinander in Wechselwirkung. Und sehen wir uns die Sache ordentlich an, so müssen wir sagen: Die Aufbauprozesse von unten wirken hinauf in die Abbauprozesse, die Abbauprozesse von oben wirken hinunter in die Aufbauprozesse. Und Sie haben, wenn Sie dieses sinngemäß verfolgen, dann als ausgleichendes System, als Funktionen, die den Ausgleich bewirken, da drinnen zwischen den abbauenden Prozessen und den aufbauenden Prozessen die rhythmischen Prozesse, die den Abbau in den Aufbau, den Aufbau in den Abbau hineintreiben. Und studieren wir der Sache nach, nicht rein äußerlich, studieren wir der Sache nach dasjenige, was in der sogenannten Blutzirkulation des Herzens, in der Durchatmung des menschlichen Leibes vor sich geht, so haben wir überall darinnen, ich möchte sagen, Spezialverläufe, irgendwie unterbrochene. Ich kann nicht eingehen auf dieses Unterbrechen, das hat seinen guten Sinn; aber wir haben überall Spezialisierung dieser Rhythmuskurve, die ich hier aufgezeichnet habe (siehe Zeichnung). Der Atmungsverlauf ist ein Spezialfall dieser Kurve, der Prozeß, den Sie hinzeichnen, wenn Sie den Blutgang vom Herzen nach oben, nach dem Haupte oder beziehungsweise nach der Lunge und hinunter nach dem Körper zeichnen, so haben Sie Spezialisierungen dieses Prozesses. Kurz, wenn Sie dasjenige beleben, was hier angedeutet wird, so dringen Sie nicht auf eine solche tote Weise, wie es gewöhnlich geschieht, in das Funktionengewebe des menschlichen Organismus ein, sondern in einer lebendigen Weise. Sie aber müssen dabei Ihre Vorstellungen selber lebendig machen. Es muß gewissermaßen dabei ein plastisches Abbild des menschlichen Organismus vorgestellt werden können. Man kann den menschlichen Organismus nicht mit den ruhend abstrakten Vorstellungen umfassen, mit denen man ihn umfassen möchte in der heutigen Physiologie und Pathologie, sondern man muß ihn erfassen mit bewegten Vorstellungen, mit solchen Vorstellungen, die wirklich eingreifen ihrerseits in die Wirkung von dem, was innerliche Bewegung hat, was keineswegs bloße mechanische Wechselwirkungen gegeneinander in Ruhe befindlicher Organe sind. So kommen wir darauf, wie im Grunde genommen fortwährend im menschlichen Organismus eine Wechselwirkung vorhanden ist zwischen den Abbauprozessen, den ertötenden Prozessen und zwischen den Aufbau-, den Wachstumsprozessen, den Wucherungsprozessen und so weiter. Ohne diese Tätigkeit ist die menschliche Organisation nicht zu erfassen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Dritter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-10-09","location":null,"word_count":731,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/314/1920-10-09/p008","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/314/1920-10-09/p008"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/314/1920-10-09/p008"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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