{"corpus":"steiner","locus":"GA 314/1922-10-27/p012","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn wir die menschliche Organisation nun nehmen, anatomisch-physiologisch, dann können wir zunächst betrachten, welchen Weg das Nahrungsmittel nimmt, bis es an den Darmwandungen mit all den komplizierten Organen, die da sind, angelangt ist und aufgenommen wird in Lymph- und Blutwege. Also bis zur Aufnahme in Lymph- und Blutwege kann man zunächst, sagen wir, die Verdauung oder Ernährung in weitestem Sinne verfolgen. Wenn man sich zunächst auf dieses Gebiet beschränkt, dann kommt man mit dem, was man sich heute in der Naturwissenschaft aneignet durch eine allerdings nicht ganz mechanistische Betrachtungsweise, durchaus zurecht. Eine ganz mechanistische Anschauungsweise führt auch für dieses Gebiet eben nicht ganz zum Ziele, weil die Gesetzmäßigkeiten, die man äußerlich im Laboratorium beobachtet, und die man charakterisiert innerhalb der Naturwissenschaft als unorganische Gesetzmäßigkeiten, immerhin sich dann abspielen im Verdauungstrakt, also im lebendigen Organismus. Also das Leben nimmt sie von Anfang an auf. Sie werden ja sogleich beim Ptyalinisieren aufgenommen von dem Leben. Aber wenn man nur das berücksichtigt, daß gewissermaßen die äußere unorganische Gesetzmäßigkeit eingetaucht wird in das Leben des Verdauungstraktes, so kommt man eigentlich für das begrenzte Gebiet durchaus zurecht, wenn man sich nur hält an dasjenige, was innerhalb der physischen Organisation des Menschen beobachtet werden kann. Aber man muß dann sich eben durchaus klar darüber sein, daß gewissermaßen ein Rest der Ernährungstätigkeit, der Verdauungstätigkeit noch zurückbleibt, daß die Ernährung auch nicht ganz fertig ist, wenn die Darmwand passiert ist, und daß man sozusagen für das Weitere eben andere Betrachtungsweisen einleiten muß. Aber für das begrenzte Gebiet kann man möglichst gut zurechtkommen, wenn man zunächst alle Umsetzungen, die stattfinden, ich möchte sagen, nach analogen Methoden betrachtet, wie dasjenige, was man äußerlich kennenlernt. Da findet man nun aber dasjenige, was nicht leicht von der heutigen Wissenschaft schon anerkannt werden kann, was aber dennoch eine Wahrheit ist, die sich schon aus der heutigen Wissenschaft durchaus ergibt. Und da würde es nun die Aufgabe unserer ärztlichen Freunde sein, die Dinge nun wirklich rein wissenschaftlich zu verfolgen und dann zu zeigen, daß sich einfach aus dem sinnenfällig-empirischen Tatbestand heraus ergibt, daß durch die Aufnahme der Nahrungsmittel in das Ptyalinisieren und Pepsinisieren und so weiter die Nahrungsmittel so zubereitet werden, daß zunächst jede Spur ihres alten Seins in der äußeren Welt getilgt wird. Nicht wahr, wir nehmen Nahrungsmittel auf aus dem Mineralischen — vielleicht bestreiten Sie dafür den Ausdruck Nahrungsmittel, aber wir können uns ja verständigen, wenn ich irgendeinen Ausdruck gebrauchen will —, also nehmen wir aus dem mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reiche Nahrungsmittel auf. Das, was wir da aufnehmen als Nahrungsmittel, ist durchgegangen durch die mineralische, die tierische und pflanzliche Organisation. Der menschlichen Organisation ist ja natürlich am ähnlichsten die Milch, die der Säugling von der Mutter empfängt. Er empfängt sie, unmittelbar nachdem sie die menschliche Organisation verlassen hat. Der Vorgang, der nun stattfindet innerhalb des menschlichen Organismus während der Nahrungsaufnahme, ist der, daß durch die Aufnahme in die verschiedenen Drüsenprodukte im wesentlichen jede Spur dieses Ursprunges getilgt wird. Man könnte sogar sagen, daß dasjenige, was es uns möglich macht, eine rein naturwissenschaftliche, unorganische Betrachtungsweise eintreten zu lassen, etwas ist, wofür uns die menschliche Organisation zu Hilfe kommt. In der 'Tat: Möglichst nahe kommt den äußeren physischen Prozessen der menschliche Nahrungsbrei in dem Momente, wo er vom Darm in die Lymph- und Blutbahn übergeführt wird. Der Mensch tilgt das, was der Speisebrei äußerlich hat, noch aus. Er will ihn möglichst ähnlich haben unorganischer Organisation. Das braucht er, und dadurch unterscheidet er sich wiederum vom Tierreiche. Wenn Sie das Tierreich anatomisch-physiologisch verfolgen, so werden Sie finden, daß das Tier nicht in demselben Grade die Konstitution desjenigen tilgt, was in den Körper übergeht; für das, was Absonderungsprodukte sind, ist es etwas anderes. Was in den Körper übergeht, das bleibt beim Tiere noch ähnlicher der äußeren Organisation als beim Menschen, ähnlicher also dem Vegetativen und Animalischen, setzt sich noch gemäß seiner äußeren Konstitution in die Blutbahn hinein fort in seiner inneren Gesetzmäßigkeit. Beim Menschen ist die Organisation eben so weit fortgeschritten, daß der Mensch eigentlich, wenn er durchläßt seinen Speisebrei durch die Darmwand, ihn möglichst unorganisch gemacht hat. Da ist eigentlich tatsächlich der rein physische Mensch vorhanden in dem Gebiet, wo übergeht der Speisebrei aus dem Darm in die Herz-Lungenorganisation, wenn ich mich so ausdrücken darf.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1922-10-27","location":null,"word_count":700,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/314/1922-10-27/p012","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/314/1922-10-27/p012"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/314/1922-10-27/p012"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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