Zweiter Vortrag
Nun bitte ich Sie, einen kurzen Gedankengang mit mir zu machen, der mehr bloß als Exempel gemeint ist, aber der Sie auf den Weg bringen wird, wie man da vorgehen muß. Nehmen wir die einjährige Pflanze, die, sagen wir, also im Frühling herauswächst aus der Erde und nun ihren einjährigen Kreislauf durchmacht. Bringen Sie diese Erscheinungen, die Sie beobachten an der einjährigen Pflanze, in Zusammenhang mit anderen Dingen, die Sie beobachten können. Vor allen Dingen damit etwa, daß die Bauern, wenn sie die Kartoffeln überwintern lassen, Gruben aufmachen von einer gewissen Tiefe und die Kartoffeln hineingeben, so daß man sie im nächsten Jahre haben kann, während sie, wenn sie sie im gewöhnlichen offenen Keller aufbewahren, nicht so bleiben, daß man sie im nächsten Jahre haben kann. Sie wissen, daß alle entsprechenden Versuchsreihen dazu führen, daß man das, was entsteht in der Wechselwirkung zwischen Sonnenbescheinung und Erde, in den folgenden Wintermonaten weiter hineingesenkt in die Erde erleben kann. In der Erde spielen die Wärmeverhältnisse und auch die Lichtkraftverhältnisse; das Dynamische spielt sich dann unter der Erdoberfläche ab im Winter, so daß eigentlich die Nachwirkung des Sommers im Winter unter der Erdoberfläche drinnen ist. Der Sommer ist außer der Erdoberfläche, um uns herum. Dasjenige, was der Sommer werden kann später, das spielt sich während des Winters unter der Erdoberfläche ab. Und die Folge davon ist — ich muß natürlich sehr große Sprünge machen, aber die Dinge lassen sich alle durch empirische Tatbestände leicht verifizieren —, daß die Pflanze, wenn sie nun in dem einjährigen Verlaufe herauswächst aus der Erde, eigentlich zunächst wächst mit den Kräften, die die Sonne der Erde gegeben hat mindestens im vorigen Jahre, denn sie zieht ihre Dynamik aus dem Boden heraus. Diese Dynamik, die aus dem Boden herausgezogen wird, läßt sich noch verfolgen bis zum Fruchtknoten herauf; bis in die Samenbildung herein läßt sich das verfolgen. So daß man eine wirkliche, der totalen Physiologie entsprechende Botanik erst bekommt, wenn man nicht nur Rücksicht nimmt auf die Wärme-Lichtdynamik und die Lichtverhältnisse in dem Jahre, wo die Pflanze wächst, sondern wenn man, von der Wurzel ausgehend, von der Licht-Wärmedynamik mindestens des vorigen Jahres ausgeht. Das kann man bis in den Fruchtknoten hinein verfolgen, so daß man im Fruchtknoten dasjenige hat, was noch im vorigen Jahre geschehen ist, was noch vom vorigen Jahre wirkt. Verfolgen Sie dagegen die Laubblätter schon, aber noch mehr die Blütenblätter, dann finden Sie bei den Laubblättern, ich möchte sagen, einen Kompromiß zwischen der Dynamik des vorigen Jahres und der Dynamik des jetzigen Jahres. Die Laubblätter haben dasjenige, was aus der Erde herausstößt, und dasjenige, was aus der Umgebung hereinwirkt. In den Blütenblättern kommt am reinsten dieses Jahr erst zum Vorschein. In dem, was die Blütenblätter tragen an Färbung und so weiter, ist nichts altes, das ist von diesem Jahre. Sie können eine einjährige Pflanze nicht verfolgen, wenn Sie nur die gegenwärtigen Verhältnisse ins Auge fassen. Verfolgen Sie einmal die aufeinanderfolgenden Strukturverhältnisse — jetzt zeitlich gemeint — von zwei aufeinanderfolgenden Jahren; aber dasjenige, was sozusagen die Sonne der Erde mitteilt, das zeigt sich noch viel länger. Machen Sie einmal Versuchsreihen in der Art und Weise, wie die Pflanzen noch schmecken solchen Wesen wie den Engerlingen, dann werden Sie sehen, wie Sie dasjenige, was Sie zunächst als Diesjähriges an der Pflanze betrachten, in Beziehung bringen müssen mit den Sonnenverhältnissen des vorigen Jahres. Sie wissen, wie lange nachher die Engerlinge erst erscheinen und an der Pflanze Gefallen finden, nachdem sie ihren Larvenzustand durchgemacht haben.
Cite:
GA 314/1922-10-27/p023 · edition original