Vierter Vortrag

GA 315/1921-04-15/p016 ·1921-04-15 · original (original)
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Nun, sehen Sie, hinter so etwas steckt eigentlich ein sehr bedeutsames Zeitsymptom. Es ist ebenso richtig zu sagen: Das Turnen als solches wird gewöhnlich einseitig heute aufgefaßt, weil es bloß aus der Physiologie und aus der Anatomie des Organismus hervorgezogen wird, wie es andererseits einseitig ist,[^3] zu sagen, das Turnen sei eine Barbarei. Warum? Weil, wenn man das Turnen nur heraussucht aus der Physiologie des Körpers, dann wird es eine Barbarei. Unsere materialistische Erziehung und Zivilisation hat erst aus dem Turnen eine Barbarei gemacht. So wie eben heute geturnt wird, so ist es eine Barbarei. Und nicht wahr, es verbindet sich ja die Anschauungüber das Turnen mit ganz falschen Vorstellungen. So glauben zum Beispiel die Leute - allerdings nicht mehr die Fachleute heute, aber immerhin viele Leute glauben -, wenn man irgend jemanden geistig angestrengt hat und ihn nachher körperlich, wie sie meinen, sich erholen läßt, so sei das eine wirkliche Erholung. Es ist ja gar nicht wahr! Ob einer eine Stunde rechnet oder eine Stunde turnt, er wird ganz gleich müde in Wirklichkeit; das macht keinen Unterschied. Das weiß man ja allerdings heute, aber man kann nicht richtig beurteilen, wie eben gerade in die Turnbewegung hineingebracht werden muß Seele und Geist, wie das, was als Bewegung ausgeführt wird, aus dem ganzen Menschen kommen muß. Nun, nicht wahr, beim Turnen ist es ja so, daß man schon die Sache so wird handhaben müssen nach und nach, daß sich dasjenige, was wir als künstlerische Eurythmie ausbilden, daß sich das wird vereinigen müssen mit dem, was als physiologisches Turnen ausgebildet werden kann. Und man kann ja ganz gut aus dem Eurythmischen in das Turnerische hinüberkommen. Es wird nur immer darauf zu sehen sein, daß solch eine Eurythmie, die eigentlich als beseeltes Turnen im Unterricht eine Rolle spielt, daß der entsprechende Unterricht mit, ich möchte sagen einigem Humor gegeben werde, also den Kindern vor allen Dingen Freude machen muß. Er muß den Kindern Freude machen, das gehört dazu. Eurythmie etwa als griesgrämiger und vertrockneter Pädagoge zu geben, ist etwas, was eigentlich gar nicht ginge.

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