Sechster Vortrag
Nun beachten Sie einmal die eigentliche auch geistige Tätigkeit so: Wenn der Mensch denkt und vom Denken aus fühlt all dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben die Tätigkeit nennt, welche man [als] geistige bezeichnet - sie wird ja ausgeführt von der physischsten Kopforganisation, also gerade dadurch ist sie die sublimierend geistige Tätigkeit, das Individualisierende auf der einen Seite, das abstrakt Gefühlte auf der andern Seite - wenn der Mensch diese geistige Tätigkeit ausführt, was geschieht denn dann? Sehen Sie, dann zieht er aus seinem Organismus heraus diejenige Kraft, welche ihn befähigt, sich als Glied in die Außenwelt hineinzuversetzen. Er zieht auch aus seinem Organismus heraus diejenige Kraft, die ihn krankhaft dazu verführt, auszufließen. Er macht sich geradezu zum Kristallisator, wenn er geistig tätig ist. Gewisse, insbesondere — wie ich glaube - mehr nach Norden gelegene Völker, die haben ein starkes instinktives Bewußtsein sich angeeignet für diese Dinge. Und sie haben zwar heute noch keine Neigung, das Eurythmische nach diesem instinktiven Bewußtsein einzurichten, sie verwenden dann dasjenige, was mehr äußerlich physiologisch ist, das schwedische Turnen und so weiter, aber sie benutzen doch die eigentümliche Wechselwirkung, die da besteht zwischen derjenigen Tätigkeit, die die Kinder ausführen müssen, wenn sie in der Schule szientifisch wirken sollen, nicht wahr, denken sollen und so weiter, diese Tätigkeit lassen sie abwechseln mit demjenigen, was dann zur Bewegung anregt. Sie fordern auch schon, daß jeder Lehrer eigentlich ein Turnlehrer sei, sie fordern wiederum von dem Turnlehrer, daß er auf der geistigen Höhe des Kindes steht. Solche Dinge sind ja in einer fortgeschrittenen Zivilisation durchaus zu berücksichtigen, und wenn ich eine bissig erscheinende, aber durchaus nicht bissig gemeinte Bemerkung, die nur aufklärend sein soll, machen will, so könnte ich sagen: Um diese Dinge instinktiv zu berücksichtigen, dazu gehört Zeit. - Das muß also bei Völkern ausgeführt werden, welche sonst weniger am Zivilisationsprozeß teilnehmen, die mehr für sich leben, ein abgeschlossenes Leben für sich leben, und die also instinktiv nach und nach ausbilden können dasjenige, was sich auf solchen Rhythmus von geistiger Tätigkeit und physischer Tätigkeit bezieht wie zum Beispiel die Schweden und Norweger, die so eine Art isoliertes Dasein führen, die können ja solche Anschauungen ganz besonders gut instinktiv ausführen. Andere Völker, die mehr angewiesen sind darauf, solche Dinge bewußt auszuführen, weil sie sonst mehr sich betätigen an dem allgemeinen Weltprozesse, diese Völker, die also sich zum Beispiel beschäftigen müssen, was ja in der letzten Zeit sehr der Fall war, mit Kriegsführung und so weiter, die müssen dann um so mehr bewußt auf diese Dinge sehen. Und diejenigen, die durchaus eigentlich, weil sie mitten drinnenstehen in der Bewegung der Welt und ganz eigentlich sich in diese Dinge versetzen müssen, weil sich gewissermaßen um sie die Welt dreht, die werden schon sehen, was sie hinterlassen, wenn sie sich nicht bewußt diesen Dingen zuwenden, wie sie allmählich dekadent werden. Das ist etwas, was sich insbesondere die Schweiz sagen müßte.
Cite:
GA 315/1921-04-17/p024 · edition original