Zweiter Vortrag
Man wird niemals, ohne daß man auf solche Dinge eingeht, den menschlichen Organismus verstehen. Sie werden finden in der gebräuchlichen physiologischen und anatomischen Literatur die mannigfaltigsten Angaben über die Leber. Sie werden sie begreifen, wenn Sie wissen, die Leber ist dasjenige im Inneren des Menschen, was diesem Menschen am meisten fremd ist. Und warum ist die Leber im Inneren des Menschen dem Menschen am meisten fremd? Wenn Sie ein menschliches Auge - oder überhaupt ein Sinnesorgan — betrachten, ist es wie eine Höhle, die sich von der Außenwelt in das Innere des Menschen hineinzieht. Im Auge bestehen Prozesse, die wir fast mit der Physik begreifen können. Beim Auge hat man es eigentlich leicht, dem Menschen gegenüber ein bloßer Physiker zu sein. Nicht wahr, Sie zeichnen ein Bild auf, machen einige Striche, die eigentlich ein furchtbarer Unsinn sind, die Ihnen den Prozeß der Lichtbrechung und Bilderzeugung bei der gewöhnlichen Linse vergegenwärtigen können. Ganz dieselbe Zeichnung machen die Leute beim Auge. Irgendeinen Lichtstrahl zeichnen sie, der durch eine Linse geht, der gebrochen wird, ein Bild im Auge drin im Hintergrunde bildet und so weiter. Die Leute sind ganz zu Physikern geworden bezüglich des Auges, und schließlich seit Helmholtzens Zeit ist auch das Ohr fast zum Klavier geworden. Also in den Sinnesorganen macht sich ziemlich breit jene Betrachtung, die äußerlich auf die Natur anwendbar ist. Da setzt sich etwas von Außen in das Innere fort. Ein Stück Außenwelt setzt sich in das Innere fort. Das ist sogar entwickelungsgeschichtlich gerechtfertigt. Bei gewissen niederen Tieren sehen Sie, wie das Auge durch Hineinstülpung und Ausfüllung von außen her gebildet ist, so daß das Auge gewissermaßen in den Organismus hineingebildet wird, nicht aus ihm herauswächst, so daß wir in den Sinnesorganen ein Stück Außenwelt im Organismus haben. Aber sie sind nach außen offen, die Außenwelt geht wie golfartig in den Organismus hinein bei den Sinnesorganen. Nun, die Leber ist so, daß sie nach allen Seiten abgeschlossen ist zunächst, aber sie ist wie ein Sinnesorgan, dasjenige Sinnesorgan, das in der Tat im Unbewußten eine hohe Empfindlichkeit für den Ernährungswert der einzelnen Substanzen aufweist, die wir in uns aufnehmen. Und wir müssen sagen, erst dann versteht man dasjenige, was in der Verdauung, in der Ernährung vor sich geht, wenn man der Leber nicht nur zuschreibt jene physischen Prozesse, die ihr heute vielfach zugeschrieben werden. Die sind nur der Ausdruck für Geistig-Seelisches. Wir müssen der Leber zuschreiben, ein innerliches Sinnesorgan zu sein für die Ernährungsprozesse. Und sie steht, denken Sie doch, den Erdensubstanzen damit viel näher als unsere gewöhnlichen Sinnesorgane. Mit dem Auge sind wir zunächst dem Äther ausgesetzt als Wirkung, mit dem Ohr der Luft, die Leber ist unmittelbar den stofflichen Qualitäten der Außenwelt ausgesetzt und muß diese stofflichen Qualitäten wahrnehmen.
Cite:
GA 316/1924-01-03/p018 · edition original