Dritter Vortrag

GA 317/1924-06-27/p028 ·1924-06-27 · original (original)
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Da ist eben das, wo man die Dinge so anfassen muß, wie ich es gestern erklärt habe; und man darf tatsächlich schon von vorneherein diese Dinge nicht so beurteilen, wie man sie sonst beurteilt. Denn sehen Sie, es ist ja so: wenn man dem Menschen gegenübersteht, so hat er seine menschlichen Eigenschaften nach zwei Polen hin hauptsächlich ausgebildet, nach dem Pol des mehr Gedanklich-Vorstellungsmäßigen und nach dem Pol des Willensmäßigen. Ja, das Vorstellungsmäßige ist krank, wenn es nicht ein Dieb ist, und zwar ein ganz ausgiebiger Dieb. Die Hirn-Vorstellungsorganisation muß ein furchtbarer Dieb sein, nicht Moral anwenden auf das, was sie aufnehmen soll. Sie muß den Sinn haben, sich alles anzueignen. Das ist der eine Pol. Und man ist eben geneigt, entweder zur Epilepsie oder zu irgend etwas, wenn man nicht nach allen Seiten hin mit der Vorstellungsorganisation grapst. Aber das darf um Gottes Willen nicht hinunterschlüpfen in die Willensorganisation! Die muß zurückhaltend sein, sie muß empfänglich sein, sie muß einen Sinn haben für Mein und Dein, der erst am äußeren Leben entwickelt wird. Denken Sie: die Tiere, die mehr im Vorstellungsleben leben als die Menschen, die würden fortwährend verhungern, wenn sie nicht den Sinn hätten, sich alles anzueignen. Diese Dinge muß man durchschauen. Das darf nicht in die Willensorganisation hinunterschlüpfen, das muß in der feinen Vorstellungsart bleiben. Wenn ich so sagen darf, wenn die astrale Infiltration unseres Gehirns, die ganz berechtigt ist, sich alles anzueignen, hinunterschlüpft bis in die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation oder in das rhythmische System hinein, dann entsteht im Willen als Tendenz dasjenige, was in der Vorstellungsorganisation da sein muß: es entsteht dieser Drang, sich alles anzueignen. Er kann in verhältnismäßig harmlosem Sinne auftreten, was Sie dann beobachten können, wenn ein Kind anfängt, alles was es findet, aufzuheben und sich eine Sammlung davon anzulegen. Natürlich, man bekämpft solche Dinge fortwährend; deshalb treten sie nicht so kraß auf. Man muß sich angewöhnen, die Anlage dazu zu sehen. Gewiß, das Kind bringt es gewöhnlich nicht dazu, weil man anfängt, es durchzuprügeln. Aber darauf muß man sorgfältig aufpassen, ob das Kind diese Neigung hat, irgendwie Dinge sich zurückzulegen, sich zusammenzulegen, und man muß eine Empfindung dafür haben, wo das Krankhafte beginnt. Es beginnt das Krankhafte, wenn es über ein gewisses Maß hinausgeht. Die Philistrosität hat vieles, aber hat kein Urteil darüber, wenn nicht gerade eine Veranlassung dazu vorliegt, wieviel man sammeln darf. Man kann ein grandioser Philister sein und Postmarken sammeln, da ist die Sammelwut mehr unschädlich. Wenn sie aber beim Kinde auftritt im Nachahmen, dann deutet das darauf, daß das Kind das heruntergerutscht hat, dieses Sich-Aneignen, in die Willenssphäre. Da handelt es sich wirklich darum, daß Sie sorgfältig sehen, wenn es sich um karmisch-moralische Defekte handelt in der Kleptomanie, daß Sie es sehen aus den Zusammenhängen heraus, die ich gestern geschildert habe, und aus einer solchen Seelenverfassung heraus an das Kind herankommen, indem Sie möglichst wirksam moralisch erziehen mit einer ungeheuren inneren Lebendigkeit, nicht mit Lässigkeit. Mit innerer Lebendigkeit erfindet man Geschichten, wodurch dasjenige, was das Kind tut, im Leben ad absurdum geführt wird. Man erzählt ihm einen Fall von Stehlen und macht das wiederum und immer wiederum. Das greift tatsächlich in das Karma ein.

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Cite: GA 317/1924-06-27/p028 · edition original