Curative Education
Sie erinnern sich an unseren gestrigen Fall, an den Jungen, der zwölf Jahre alt ist, den ich als Kleptomanen vorführen mußte. Es ist geistig gesehen bei einem solchen Kleptomanen so, wie ich es charakterisiert habe in der Aussprache über das Prinzipielle, daß er durch die Hemmungen, die im astralischen Leibe liegen, nicht den Zugang findet zu dem, was die Urteilsmäßigkeit ist unter den Menschen in der äußeren Welt. Sie müssen sich vorstellen, daß dasjenige, was sich auf die Moralität bezieht, alles, was sich auf die Moralität bezieht, was in seinen Begriffsformationen moralische Impulse in sich schließt, daß das nur innerhalb des Erdendaseins zum Ausdruck kommt. Man könnte sagen, wenn das nicht mißverstanden würde von der heutigen Oberflächlichkeit: da, wo die Erde aufhört, wo Sie hinauskommen ins Übersinnliche, gibt es in diesem Sinne wie auf der Erde nicht moralische Urteile, weil dort das Moralische selbstverständlich ist. Moralische Urteile beginnen erst da, wo die Wahl eintritt zwischen Gut und Böse. Dagegen ist Gutes und Böses für die geistige Welt einfach eine Charaktereigenschaft. Es gibt gute Wesen, es gibt böse Wesen. Gerade so wenig wie bei einem Löwen man davon sprechen kann, ob er das Löwenhafte haben soll oder nicht haben soll, ebensowenig kann man, von der Erde weggekommen, von Gutem und Bösem so sprechen. Dazu gehört ein Ja und Nein, das nur innerhalb der Organisation des Menschen in Frage kommt und zwischen den in ihrer moralischen Umgebung lebenden Menschen. Es ist einfach so bei einer solchen Erkrankung, wie es die Kleptomanie ist, daß der betreffende Mensch seinen astralischen Leib nicht so weit zur Entwickelung gebracht hat, weil er die schon charakterisierten Hemmungen hat, daß er einen Sinn für moralische Urteile entwickeln kann. Daher ist es bei einem solchen Jungen so, daß er in dem Augenblick, wo er irgend etwas hat, für das er besonderes Interesse hat, gar keinen Grund einsieht, warum er das Ding sich nicht aneignen soll. Denn er begreift nicht, daß es jemand gehören kann, daß der Begriff: Ich besitze etwas — Bedeutung hat. Er betritt nicht so weit die physische Welt mit seinem astralischen Leib, daß er einen Sinn für solche Urteile hat.
Cite:
GA 317/1924-07-04/p004 · edition original