Curative Education
Nun ist gerade eine solche Abnormität außerordentlich schwierig zu bekämpfen. Denn, sehen Sie, zunächst bemerkt man in dem Lebensalter, wo es darauf ankommt, sich hart dagegenzustellen, die Sache nicht. In diesem Lebensalter ahmen die Kinder nach, machen dasjenige, was die Umgebung macht, und man merkt an ihrem Verhalten nicht, daß sie die kleptomane Veranlagung haben. Diese kleptomane Veranlagung, sie wird erst herauskommen, wenn der Zahnwechsel vorüber ist. Aber wenn der Zahnwechsel vorüber ist, dann ist das Kind immer noch nicht geeignet — weil es noch nicht weit genug draußen ist mit der Seele auf dem physischen Plan -, einen andern Sinn für moralische Urteile zu entwickeln als den: das Gute gefällt mir, das Böse mißfällt mir, Hier bleibt alles beim ästhetischen Urteil. Da ist der Erzieher angewiesen darauf, beim Kinde zu wecken den Sinn für das Gute dadurch, daß das Kind den Erzieher sich zur Norm macht. Deshalb sieht unsere Waldorfschul-Pädagogik darauf, daß in diesem Lebensalter die Autorität wirksam sein muß, daß das Kind in selbstverständlicher Hingebung aufschauen soll zum Erzieher und der Erzieher nur reden soll von dem, was gut ist so, daß es dem Kinde sympathisch wird, und von dem Bösen so, daß es dem Kinde antipathisch wird. Zu alledem ist notwendig, daß die selbstverständliche Autorität da ist. Ist nun diese bei einem sogenannten normalen Kinde notwendig, so ist sie im höchsten Maße notwendig bei einem solchen Kinde, wie dieses es ist. Dasjenige Erziehungsmittel, das am wirksamsten ist, ist die Zutraulichkeit, die das betreffende Kind haben kann zu dem, der sein Erzieher ist. Darauf ist man bei diesen Kindern ganz besonders angewiesen. Es ist durchaus notwendig, daß das als eine Voraussetzung gemacht wird.
Cite:
GA 317/1924-07-04/p006 · edition original