Curative Education

GA 317/1924-07-04/p010 ·1924-07-04 · original (original)

Nehmen wir einmal an, ein solches Kind wächst auf nicht da, wo man die Miliz als etwas Lästiges betrachtet — das sind nur Charakteristiken, die ich im einzelnen Falle gebe -—, es wächst auf in einer Art Preußentum, wo man nicht den Militarismus bloß als etwas betrachtet, das etwas Notwendiges ist, sondern als etwas, woran man eine arge Freude hat, was einem in die Augen sticht, wonach man sich hält. Das Kind bleibt auch nicht in der Familie, wird für das Gymnasium bestimmt, für die Hochschule. Es kommt ihm etwas zugute, was einem andern Kinde nicht zugute kommt. Solch ein Kind lebt dasjenige, was in jener Anlage gelebt hat, von der ich gesprochen habe, dadurch aus, daß es Naturforscher wird, daß es Präparate macht, daß es nach allen Seiten ausgreift, um es unter das Mikroskop zu bringen, daß es in einer irregulär-regulären Weise diese Sehnsucht befriedigt; es lebt das ganz aus. Es kommt das betreffende Kind in ein Milieu hinein, in dem gewohnheitsmäßig nicht gestohlen wird, oder wenn gestohlen wird, so sind es Objekte, auf die der Begriff des Stehlens nicht angewendet wird. Die Kleptomanie entwickelt sich dann unter der Oberfläche. Das betreffende Kind wird ein physiologischer Rhetor, wird der berühmteste Physiologe seines Zeitalters, und es bleibt ihm für das Leben nur der eigentümlich kleptomane Zug, der liegt in einer gewissen Kriegsbegeisterung, die deplaciert hervortritt in seinen Reden. Er begibt sich in seinen Bildern in der Rede auf das Gebiet des Kriegführens, des Kämpfens und so weiter. Aber es kann in eigentümlichen Fällen diese Neigung merkwürdig in Eitelkeit ausarten. Es kann bleiben ein Gefühl dafür, daß die rhetorischen Figuren des Betreffenden ein anderer nicht gebrauchen darf. Dann, wenn sich ein mutwilliger Student im Examen findet, der genial ist und auch dieselben Redefiguren gebraucht, dann fällt er durch. Wenn er nun auch mit der Zunge schnalzt, dann wird die Sache besonders schlimm.

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