{"corpus":"steiner","locus":"GA 317/1924-07-04/p023","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Der Fall wird ganz besonders interessant sein, und ich muß sagen, für mich ist dieser Fall tatsächlich ein außerordentlich interessanter. Denn jedesmal, wenn ich über das Kind denke, oder es sehe, kommt mir aus diesem Kinde nicht nur dieses Kind selbst in den Sinn, sondern denken Sie sich dieses Kind dreißig Jahre alt geworden, und es wäre gewachsen — das kann sein. Und es wäre dann in einer sechsmaligen Vergrößerung vorhanden. Der Kopf vielleicht auch dreieinhalbmal so groß, der übrige Körper sechsmal. So habe ich einen Menschen vor mir, den ich gerade als Knabe, als ich sechs Jahre alt war, vor mir hatte. Wir verkehrten mit ihm, er kam immer zu den Zügen. Er mußte auf Krücken gehen, weil der Körper den Kopf nicht tragen konnte. Die Gehmuskulatur war zurückgeblieben. Er hatte einen riesigen Kopf. Das war also ein dreißigjähriger Embryo geblieben. Er hat auf mich einen außerordentlichen Eindruck gemacht aus dem Grunde, weil er unglaublich gescheit war. Ich unterhielt mich außerordentlich gerne mit dem Menschen. Natürlich eine solche Deformation macht auch gemüthaft einen außerordentlichen Eindruck, wenn man selbst so ganz Jung ist, sieben bis acht Jahre alt ist. Aber auf der andern Seite war er unglaublich gescheit. Man konnte viel von ihm hören und seine Urteile waren alle von einer großen Milde. Die Milde ist ebenso ausgeflossen, wie das sein Kopf war. Man spürte fast, wenn er sprach in seinen Sätzen — die nicht überlang gezogen waren, die schon als Sätze die normale Zeitlänge hatten -, man spürte fast so etwas, wie wenn er die Sätze immer so sprechen würde, indem er Zuckersaft auf den Lippen hätte, als ob die Lippen sich in Zuckersaft aufeinander reiben würden. Es war etwas ganz Eigentümliches an diesem Menschen, und er war eigentlich erfinderisch. Man sagte ihm allerlei Erfindungen nach, die er so im kleinen gemacht habe. Ja, es war eine sehr interessante Persönlichkeit. Er empfand dann seine Abnormität nicht mehr so stark, weil er sich das gewohnheitsmäßig angeeignet hatte. Nun, nicht wahr, es war auf dem Dorfe. Da leben unter Umständen solche Leute so, daß sie mit einem gewissen Verständnis angesehen werden. Ich habe noch nie ein Dorf gefunden, wo nicht das eine oder andere Kind auf diese Weise herangewachsen wäre. Und es war dann das Kind des ganzen Dorfes. Der Mensch konnte immer gehegt und gepflegt werden.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Curative Education","date":"1924-07-04","location":null,"word_count":386,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/317/1924-07-04/p023","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/317/1924-07-04/p023"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/317/1924-07-04/p023","paragraph_aligned":true}]}