Erster Vortrag
Meine lieben Freunde! Wir haben in diesem Kurse zum erstenmal vereinigt die Mitglieder zweier geistiger Wirkungskreise, und diese Vereinigung bedeutet etwas ganz Besonderes. Daher wird schon heute notwendig sein, daß wir uns über den Sinn dieser Vereinigung zunächst aus dem, was in diesem Kurs den Inhalt bilden soll, verständigen müssen. Zunächst möchte ich nur darauf aufmerksam machen, daß dieser Kurs vielleicht wie kein anderer ein Beispiel dafür sein wird, wie durch die besondere Gestaltung des Geisteslebens in unserer Zeit alte Überlieferungen, altes Herkommen erneuert werden muß, denn dasjenige, was unter dem Namen Pastoralmedizin gepflegt worden ist, hat eigentlich im Grunde seinen Inhalt verloren. Wir werden das im Laufe der Betrachtungen sehen. Dagegen wird gerade aus den Untergründen unserer Zeit heraus sich ergeben eine ganz besonders bedeutungsvolle Aufgabe, die wiederum, indem sie zusammengefaßt wird, in einer Betrachtung den Namen Pastoralmedizin schon tragen darf. Wir haben strenge darauf gesehen, daß im wesentlichen in diesem Kurs vereinigt seien wirkliche Theologen und solche Persönlichkeiten, welche wirkliche Ärzte sind oder werden, Ärzte in dem Sinn, daß wir bei ihnen diesen Namen nach der Aufgabe der Medizinischen Sektion des Goetheanums verantworten können. Wie dieser Sinn zu gestalten ist, das alles wird gerade in diesem Kurs zur Besprechung kommen. Einzelne Ausnahmen haben wir allerdings zugelassen, aber eben nur wenige, und diese sind gut begründet innerhalb desjenigen, was Überzeugung der medizinischen Sektion des Goetheanums ist. Es wird sich vor allen Dingen darum handeln, daß Sie, liebe Freunde, sowohl von der theologischen wie von der medizinischen Seite her gerade über das in völlig klaren Begriffen leben, was im Sinne einer neuen Pastoralmedizin das Zusammenarbeiten der Theologen mit den Medizinern möglich macht. Es ist ja von einem solchen Zusammenarbeiten öfter gesprochen worden und es ist auch bemerklich gemacht worden, wie gerade die anthroposophische Bewegung auf eine Zusammenarbeit rechnen müsse. Aber dabei sind doch Dinge zutage getreten, die gerade ihre Rektifizierung innerhalb dieses Kurses werden erfahren müssen. Es darf das Zusammenarbeiten, auf das hingewiesen worden ist, durchaus nicht so aufgefaßt werden, meine lieben Freunde, als wenn damit gemeint wäre ein Hineindilettantieren von der einen Seite in die andere Seite. Es kann sich durchaus nicht darum handeln, daß die Theologen Heiler werden, oder daß die Heiler irgendwie Theologen werden. Natürlich beide, insofern sie Heiler oder Theologen sind. Um ein Zusammenarbeiten, um ein In-die-Hand-Arbeiten handelt es sich. Dagegen wird gerade dieser Kurs einen großen Wert darauf legen müssen, daß nun ja nicht etwa alles ins Chaotische dadurch verzerrt werde, daß, ich weiß schon nicht zu was, der Theologe versucht, in alles mögliche Medizinische hinein zu dilettantieren, das doch nicht auf seinem Wege liegen kann. Und umgekehrt soll sich der Arzt in unserem Sinne bewußt werden, welche Stellung er gegenüber den Theologen einzunehmen hat. Daß dies auf beiden Seiten, auf theologischer und medizinischer, völlig durchschaut wird, davon wird außerordentlich viel abhängen. Nun, es ist das zutage getreten, daß zum Beispiel auch gemeint worden ist: Ja, der Theologe muß sich doch medizinische Kenntnisse aneignen. — Kenntnisse auf irgendeinem Gebiet kann man sich immer aneignen, es wird sogar immer gut sein, Kenntnisse sich anzueignen. Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß wirklich klar und deutlich eingesehen wird: zum Arzt, zum Heiler gehört nach Denken, Fühlen und Wollen des Menschen die spezifische ärztliche Vorbildung, und es sollte niemand glauben, mit medizinischen Kenntnissen in die Welt eingreifen zu können, der nicht diese spezifische medizinische Vorbildung hat, auch wenn er Theologe ist. Und umgekehrt muß der Arzt einen ganz besonderen Begriff von seinem Beruf entwickeln und wird begreifen lernen müssen durch die Pastoralmedizin, daß ein Wesentliches damit gesagt ist, wenn gesagt wird: dem Priester gehört die Opferflamme, dem Arzt der Merkurstab. Und durch das Zusammenwirken von Opferflamme und Merkurstab ist allein ein gedeihliches Wirken möglich. Man soll nicht mit der Opferflamme heilen und mit dem Merkurstab Kultus zelebrieren wollen. Aber man soll einsehen, daß beides Gottesdienst ist. Und je mehr man einsieht, daß beides Gottesdienst ist, desto besser wird das Zusammenarbeiten, wenn der Arzt Arzt, der Priester Priester bleibt, in entsprechender Weise heilsam in die Welt eingreifen. Es darf unsere anthroposophische Bewegung nicht der Boden werden, auf dem alles chaotisch durcheinandergeworfen wird, denn dadurch würde der Ernst leiden, der Ernst, den wir gerade so stark innerhalb der anthroposophischen Bewegung pflegen sollten. Man kann durchaus allgemein wissen, wenn ich ein drastisches Beispiel gebrauche, was ungefähr geschieht, wenn eine Fußoperation vollzogen wird; aber man sollte nicht glauben, daß man gleich eine Fußoperation vollziehen kann. So aber sollte man es halten mit allem Medizinischen. Anthroposophie darf vor allen Dingen nicht werden in irgendeiner Weise eine Propaganda für Kurpfuscherei. Sie darf es auch nicht werden, indem etwa 'Theologen Kurpfuscher werden. Es muß schon eben dies ganz deutlich klargelegt werden; und so wird dasjenige, was von der Medizinischen Sektion des Goetheanums ausgehen wird, im allerstrengsten Ernste handhaben dasjenige, was den Menschen im anthroposophischen Sinne als Heiler vor die Welt hinstellen kann, aber das muß auch eine reale Einrichtung werden, und es wird notwendig sein, daß die Stellung desjenigen Arztes, der im Sinne der Medizinischen Sektion am Goetheanum wirken will, in eindeutiger Weise zu dieser Sektion bestimmt wird. Es wird auch nicht anders gehen, als daß diese Einrichtung eine ganz reale wird, so daß es schon dahin kommen kann, daß in einem gewissen Sinne künftig Arzt ein solcher sein kann, der eben Arzt in der Richtung der Medizinischen Sektion am Goetheanum ist. Nun, meine lieben Freunde, damit wird auch gerechtfertigt sein, daß wir vermieden haben, Heiler, die nicht Ärzte sind, zu diesem Kurs zuzulassen. So daß diejenigen, die heute als Ärzte hier sitzen, durchaus auch im Sinne der Welt die Ärzteschaft in Anspruch nehmen können - im wesentlichen, geringe Ausnahmen abgerechnet.
Cite:
GA 318/1924-09-08/p003 · edition original