Zweiter Vortrag
Die gewöhnlichen Begriffe, die man hat über Gesundsein und Kranksein, hören auf, ihre Geltung, ihre Bedeutung zu haben. Steckt man eine Persönlichkeit wie diese in ein Büro, oder macht man sie zur gewöhnlichen Ehefrau, wo sie das Kochen beaufsichtigen muß oder sonst etwas im bürgerlichen Leben, so wird sie richtig wahnsinnig, und führt sich eben so auf, äußerlich, daß sie gar nicht anders aufgefaßt werden kann als wahnsinnig. Bemerkt der Priester im rechten Moment, wohin der Weg geht, dirigiert er sie ins Nonnenhafte hinein; läßt er sie im entsprechenden Milieu leben, entwickeln sich die vier Stadien hintereinander, so daß in der Tat der geschulte Beichtvater durch eine solche Patientin in einer ähnlichen Weise im modernen Stil hineinschauen kann in die geistigen Welten wie der griechische Priester durch die Pythien, die ihm durch den Rauch, den Dunst der Erde allerlei über die geistige Welt kundgegeben haben, sich über die geistige Welt unterrichten ließen. Was hilft es viel, wenn heute einer eine Dissertation schreibt über das Pathologische der griechischen Pythien! Das kann man ganz gut, das wird richtig sein, auch exakt sein, aber es ist nichts damit getan in einem höheren Sinne. Denn im Grunde genommen ist doch ungeheuer vieles von dem, was aus der griechischen Theologie im eminenten Sinne hineingeflossen ist in das ganze griechische Kulturleben, entstanden unter den Offenbarungen der Pythien. Die Pythien waren in der Regel Persönlichkeiten, die entweder bis zu diesem dritten Stadium oder gar bis zum vierten Stadium gekommen sind. Aber denken wir uns in einer späteren Zeit, eine Persönlichkeit mache gerade unter der klugen Führung von Beichtvätern diese Stadien so durch, daß sie sich ungehindert hingeben kann ihren inneren Anschauungen, dann wird etwas außerordentlich Wunderbares aus ihr, das deshalb doch in einem gewissen Grade pathologisch bleibt. Dann hat es nicht nur der Arzt, nicht nur der Priester, dann hat es die ganze Kirche damit zu tun und beschäftigt sich damit, daß sie diese Persönlichkeit nach dem Tode heilig spricht; und das ist die heilige Theresia, die hat ungefähr diesen Weg durchgemacht.
Cite:
GA 318/1924-09-09/p022 · edition original