Vierter Vortrag
Damit sehen wir nach den Tiefen der menschlichen Entwickelung, und gewöhnen uns ab, von der Vererbung in dem Sinne zu sprechen, wie es die grobe Naturwissenschaft tut, sehen aber auch nach der anderen Seite, was in dem kindlichen Menschentun lebt. Im kindlichen Menschentun und im kindlichen Menschendenken lebt die Sonne. Die Sonne ist es ja, die uns vom Stein entgegenstrahlt, denn der hat keine Lichtkräfte, der reflektiert uns nur das Sonnenlicht. Das gibt der Naturforscher zu, aber das ist das allergeringste, abstrakteste, meine lieben Freunde. Das Kind strahlt uns auch die Sonnenkräfte zurück zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr. So wie wir vom Stein ansprechen können das Licht als das zurückgestrahlte Licht der Sonne, dürfen wir das, was das Kind tut in seiner zweiten Lebensepoche, als Sonne bezeichnen. Sonne ist nicht bloß da, wo sie konzentriert erscheint. Diese physikalische Ansicht, daß die Sonne bloß da ist (Tafel 5, links), gleicht der von einem Menschen, der in einem Topf eine Suppe sieht und in der Mitte ein Fettauge und meint, bloß das Fettauge sei die Suppe. Ja, unsere physikalischen Anschauungen sind oft sehr kindisch, und wenn man sie enthüllt, wie sie sind, dann lachen die Leute. Man möchte nur wünschen, daß der Wirklichkeit gegenüber mehr gelacht wird. Denn es ist wirklich sehr lächerbar, das, was man heute als Wissenschaft ansieht. Wenn man das Fettauge für die Suppe hält, ist das dasselbe, wie wenn man die Sonne da oben für das Fettauge des Sonnenscheins anschaut, während sie als die Suppe die ganze Welt erfüllt.
Cite:
GA 318/1924-09-11/p015 · edition original