Vierter Vortrag
Nun kommt der Mensch dazu, sich den dritten eigenen Leib — den vierten nach der Äußerlichkeit betrachteten — zu bilden, nach der Geschlechtsreife bis zum Anfang der Zwanzigerjahre. Die Zeitabschnitte werden in den späteren Jahren nicht mehr so streng wie für die Abschnitte des Zahnwechsels und der Geschlechtsreife. Immer mehr bleibt von der Substanz zurück, verfestigt sich im Menschen, wird Bleibegerüst. Es wird wirklich vieles Bleibegerüst im Menschen nach und nach. Von den Knochen wird, je älter der Mensch wird, immer weniger Materie ausgesondert und erneuert. Auch im übrigen Organismus brauchen gewisse Teile länger zur Aussonderung als andere, und es ist ersichtlich, daß von den Zähnen es einfach gilt: Hat man sie einmal ein zweites Mal bekommen, so ist man, ob man sie später noch hat, davon abhängig, wie lange das nun hält, wenn es fertig ist, so wie man von einem Messer, das man hat, abhängig ist davon, wie lange es hält. Das Messer kann seine Materie nicht erneuern. Zähne können sich auch nicht im wesentlichen erneuern. Gewiß, es ist alles im Fluß, es ist schon Erneuerung da, aber es geht eben in das Stadium des Nichterneuerns hinein, und so haben wir sie als dasjenige, was im wesentlichen viel langsamer den Lebensprozeß vollzieht als der übrige Mensch, viel langsamer in bezug auf die Intensität, daher im umgekehrten Verhältnis schnell in bezug auf die Qualität der Dauer, eben schadhaft werden, bevor die anderen Glieder der menschlichen Natur, die sich immer erneuern können, schadhaft werden können. Aber wenn die Zähne denselben Gesetzen ausgesetzt wären wie manche andere Teile der Menschennatur, dann könnte es keine Zahnärzte geben. Aber wenn die anderen Teile der Menschennatur denselben Gesetzen ausgesetzt wären wie die Zähne, würden wir alle recht jung sterben in unserer modernen Zivilisation. Und wahrscheinlich würde dieser Teil der Schweiz, von dem man sagt, daß die Zahnärzte sehr beschäftigt sind, weil die Zähne so leicht schadhaft werden, gar nicht so sehr bevölkert sein von Menschen, denn man würde ihn für eine Stätte früher Sterblichkeit halten. So hängen die Dinge zusammen.
Cite:
GA 318/1924-09-11/p017 · edition original