Vierter Vortrag

GA 318/1924-09-11/p022 ·1924-09-11 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Im Leben sind oftmals schon in der frühen Kindheit, ich möchte sagen, vorausgenommene Wirkungen aus dem eigenen Leibe vorhanden. Dann merken wir das an pathologischen Erscheinungen des Kindes, am Brüchigwerden der Knochen, namentlich aber an frühen Fettbildungen der Kinder; aber dieser Zusammenhang steckt dahinter. In jedem Augenblicke seines Lebens strebt ja der Mensch entweder nach diesem Punkte hin, oder er strebt von diesem Punkte weg. Sie sehen leicht ein, das ist eine Art Nullpunkt, eine Art Hypomochlion, eine Art Nullpunkt, wo wir in der Zeit zwischen uns und der Welt stehen. Wir haben immer in unserer inneren Dynamik ein Hinstreben oder ein Wegstreben. Das, was da im Menschen stattfindet, indem er nach diesem Nullpunkt hinstrebt oder von ihm wegstrebt, ist ja ein Streben nach einer Null oder von einer Null. Es ist etwas, was wir tun nach einem Nichts hin. Wir streben nach dem, worin die Welt nicht mehr wirkt, worin der Mensch noch nicht wirkt. Zwischen beiden ist eine Art von Null. Wir haben da etwas in uns, was nach einem Nichts hin orientiert ist. Das macht, daß wir freie Wesen sind, Verantwortlichkeit haben. Das ist so in der menschlichen Konstitution begründet, daß wir verantwortliche freie Wesen sind, weil wir beim Übergang von der Welt zu uns durch einen Nullpunkt durchgehen, wie der Waagebalken von rechts nach links, von links nach rechts durch einen Nullpunkt durchgeht, der nicht den Gesetzen folgt, denen die übrige Waage ausgesetzt ist. Sie können sich denken, wenn Sie eine Waage haben (Tafel 5, rechts), daß bier die mechanischen Gesetze gelten, die Sie lernen, hier die mechanischen Gesetze gelten und der Waage eine bestimmte Konfiguration geben, entweder so, daß das oben ist, das unten oder umgekehrt. Das sind die Gesetze der Waage, des Hebels. Aber wenn Sie diesen Punkt nehmen - Sie können die Waage herumtragen, ihre übrige Konfiguration durch die mechanischen Kräfte ist überall dieselbe, wo Sie die Waage herumtragen -, der Punkt ist frei; den können Sie herumtragen, wie wenn er gar nicht mit einer Waage verbunden wäre, die Waage bleibt ganz unberührt davon. So, wenn der Mensch sich ergreift mit seinem seelischen Erleben in dem Punkt, dem er zustrebt vorher, aber nachher mehr davon wegstrebt, so ist wirksam vorher die Welt, nachher er selber, der Mensch. Hier ist nichts wirksam. Aber in der Tendenz hin oder weg kann sich ausleben dasjenige im Menschen, was nicht von der Natur und was nicht von der Welt bestimmt ist, wo ein Hypomochlion sitzt, da ist der Ursprungspunkt seiner Freiheit. Da begreift man die Verantwortlichkeit.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/318/1924-09-11/p022.json
Cite: GA 318/1924-09-11/p022 · edition original