Fünfter Vortrag
Wenn man nun in einer exakten Beobachtungsart, die man sich gerade durch eine solche Denkentwickelung erwirbt, die allmähliche Entfaltung des Kindes beachtet, dann ergibt sich einem eine bedeutsame Differenz zwischen der ganzen Konstitution des Kindes bis etwa zum Zahnwechsel, zum siebenten, achten Lebensjahr hin, und nachher. Die Differenz, die da vorhanden ist zwischen dem Früheren und Späteren, sie ist so, daß man sich eben erst die Fähigkeit der Aufmerksamkeit für sie erwerben muß. Man übersieht sie sonst, achtet nicht darauf, aber man muß gerade dort einsetzen, ich möchte sagen, mit dem Mut, an den Menschen und an solche Beobachtungen wirklich so exakt heranzugehen, wie man es sonst in der Physik gewohnt worden ist im Laufe des neueren Forschungslebens. Wir reden in der Physik von latenter Wärme und von real auftretender Wärme; wir reden davon, daß durch irgendeinen Prozeß ein Wärmezustand, der sonst latent bliebe in irgendeiner Substanz, der also in der Substanz drinnen ist, herauskommen kann. Wozu man mit der äußeren physikalischen Wissenschaft gekommen ist, zu dem müssen wir auch kommen. Wir müssen den Mut dazu haben können, den Mut in bezug auf die menschliche Seelenentwickelung zum Beispiel. Und hat man diesen Forschungsmut, so stellt sich folgendes heraus: Man sieht - man muß nur verstehen, die Aufmerksamkeit darauf zu richten -, wie beim Kinde, wenn es den Zahnwechsel durchgemacht hat, innere seelische Kräfte auftreten, die vorher nicht da waren. Nicht einmal die Pädagogik ist heute so weit, darüber etwas zu sagen, weil sie nicht exakt beobachtet, weil die Kurven nicht bergehoch steigen und tälertief fallen, sondern weil es sich da um Feinheiten handelt und diese Feinheiten mit anderem, geistigem Blick verfolgt werden müssen; deshalb gibt man heute nicht viel darauf. Aber für den, der sich den geistigen Forschungsblick aneignet, stellt sich heraus, daß zum Beispiel alles, was wir Erinnerungsfähigkeit nennen, mit dem Zahnwechsel radikal verändert wird. Die Erinnerungsfähigkeit ist früher eine solche, die mit einer gewissen elementaren Kraft noch aus dem Organismus dasjenige, was das Kind in der Erinnerung vorstellt, herausschießen läßt. Jene besondere Art des Erinnerungserlebnisses, wo man zurückgeht und das Gefühl hat, daß man zurückgeht auf das Erlebte, die tritt erst mit dem Zahnwechsel ein.
Cite:
GA 319/1923-11-15/p013 · edition original