Siebenter Vortrag
Dann aber lernt man durchschauen, wie dieser ganze Mensch vor uns steht, wie er in einem polarischen Gegensatz vor uns steht. Überall, wo Aufbau ist, in einem jeglichen Organ, muß auch Abbau sein. Und indem wir irgendein Organ, Leber, Lunge oder Herz, anschauen, ist es in einem stetigen Strom, in einem Strom, der sich zusammensetzt aus Aufbau-Abbau, Aufbau-Abbau. Ist es denn nicht so, daß wir eigentlich eine merkwürdige Sprache führen, wenn wir zum Beispiel sagen: Hier fließt der Rhein? — Was ist denn der Rhein? Wenn wir sagen: Hier fließt der Rhein -, so meinen wir gewöhnlich nicht: Da ist das Flußbett «Rhein», aber das fließende Wasser meinen wir, wenn wir hinschauen. Das ist jedoch in jedem Augenblicke ein anderes. Der Rhein ist hundert Jahre, ist tausend Jahre da. Aber was ist denn in jedem Augenblicke da? Was in jedem Augenblicke in dem Strömen in Veränderung begriffen ist! So ist alles, was in uns ist, in dem Strom der Veränderung enthalten, im Aufbau und im Abbau, und im Abbau wird es Träger des Geistigen. Und so gibt es in jedem normalen Menschenleben einen Gleichgewichtszustand zwischen Aufbau und Abbau, und in ihm entwickelt der Mensch seine richtige Fähigkeit für das Geistig-Seelische. Aber dieser Gleichgewichtszustand kann gestört sein, kann so gestört sein, daß ein Organ seinen richtigen Aufbau einem zu geringen Abbau entgegenstellt, so daß sein Wachstum wuchert; oder umgekehrt, ein Organ kann einem normalen Abbau einen zu geringen Aufbau entgegenstellen, dann verkümmert das Organ, trocknet aus, und wir kommen aus dem Physiologischen in das Pathologische hinein.
Cite:
GA 319/1924-07-17/p023 · edition original